Mittwoch, 18. März 2026

Bedrohung der Demokratie - Vormarsch der Autokratien

 Safran Lindberg

"So spricht jemand, der sich selbst als Diktator sieht"

Im weltweit umfangreichsten Demokratiebericht verlieren die USA ihren Status als liberale Demokratie. Was fehlt zur Autokratie? Nicht viel, sagt der Hauptautor einer Studie der Varieties of Democracy

Interview: Lisa Bischoff DIE ZEIT 17. März 2026, 9:02 Uhr

"So spricht jemand, der sich selbst als Diktator sieht" – Seite 1

Einmal im Jahr veröffentlicht der Forschungszusammenschluss Varieties of Democracy (V-Dem) einen Bericht zum Stand der Demokratien weltweit. Größte Sorge bereitet dem Erstautor Staffan Lindberg die Lage in den USA.

ZEIT: Herr Lindberg, Ihr Bericht aus dem Vorjahr hatte schon einen rasanten Rückgang der Demokratien weltweit verzeichnet. Geht der Trend weiter?

Staffan Lindberg: Ja, es wird schlimmer. 74 Prozent der Weltbevölkerung – sechs Milliarden Menschen – leben in Autokratien, nur sieben Prozent in liberalen Demokratien. Noch nie gab es so viele Länder – wir zählen im Jahr 2025 insgesamt 44 –, die sich gleichzeitig in Richtung Autokratie bewegen. Zum Vergleich: 2005 waren es nur zwölf. Das Demokratieniveau, das eine durchschnittliche Person weltweit genießt, ist wieder auf dem Stand von 1978.

ZEIT: Wie kann man sich das vorstellen?

Lindberg: 1974 begann mit der Nelkenrevolution in Portugal eine dritte Welle der Demokratisierung. In den folgenden Jahren beendeten viele Länder, darunter auch Spanien und Griechenland, ihre Diktaturen und wurden demokratisch. Diese Welle ist mit den aktuellen Entwicklungen im Wesentlichen ausgelöscht. Um das Jahr 2000 hat eine – ebenfalls dritte – Gegenwelle eingesetzt. Heute müssen wir sagen: Es gab noch nie so viele Länder – 40 bis 50 pro Jahr –, die sich in Richtung Autokratie entwickeln, wie in den vergangenen Jahren. Noch nie lebte ein größerer Anteil der Weltbevölkerung – 35 bis 40 Prozent – in Ländern, die sich autokratisieren. In dieser Hinsicht leben wir in einer Zeit, die schlimmer ist als die 1930er-Jahre.

ZEIT: Wo ist die Autokratisierung am rasantesten?

Lindberg: Wir beobachten sie in Indien, Argentinien und Mexiko. Mexiko ist ein Sonderfall, weil die Entwicklung dort von der Linken getrieben ist. Die Autokratisierungen der vergangenen 25 Jahre waren überwiegend rechtsextrem, nationalistisch und antiliberal geprägt. Unter den Ländern mit den stärksten autokratischen Tendenzen weltweit sind sieben europäische Staaten: Griechenland, Italien, Kroatien, die Slowakei, Slowenien, Serbien und das Vereinigte Königreich – und nun auch ihr vermeintlich wichtigster Verbündeter, die USA.

ZEIT: Den USA widmen Sie im Bericht ein Sonderkapitel. Wie steht es dort um die Demokratie?

Lindberg: Die USA sind keine liberale Demokratie mehr. Laut dem Index für liberale Demokratie, den wir in unserem Bericht nutzen, hat sich der Demokratiegrad in den USA auf ein Niveau zurückentwickelt, das seit 1965 nicht mehr beobachtet wurde. Das ist das Jahr, in dem US-Präsident Lyndon B. Johnson in Gegenwart von Martin Luther King das Wahlrechtsgesetz unterzeichnete. Das war eines der wichtigsten Bürgerrechtsgesetze, das jemals vom US-Kongress erlassen wurde, und garantierte Schwarzen das verfassungsmäßige Wahlrecht. Das sagt meiner Meinung nach viel aus.

Autokratien vs. Demokratien – die vier Regimetypen

Geschlossene Autokratien weisen nur minimale demokratische Merkmale auf, verfügen über konzentrierte politische Macht und führen unfaire Wahlen durch. Im Bericht von 2026 gelten beispielsweise China, Saudi-Arabien und der Sudan als geschlossene Autokratien.

Wahlautokratien halten Wahlen ab, die nicht demokratischen Standards entsprechen. Dazu zählen zum Beispiel Indien, Ungarn, Mexiko, Russland oder Thailand.

Wahldemokratien führen freie und faire Wahlen durch, schränken jedoch die bürgerlichen Freiheiten oder die Rechtsstaatlichkeit ein. Dazu gehören nun auch die USA, das Vereinigte Königreich, Griechenland, Kroatien, Italien, Slowenien und die Slowakei.

Liberale Demokratien halten nicht nur freie und faire Wahlen ab, sondern schützen auch die bürgerlichen Freiheiten, verfügen über starke Kontrollmechanismen und wahren die Rechtsstaatlichkeit. Zu den langjährigen stabilen Demokratien zählen Australien, Costa Rica, Deutschland, Finnland, Island, Japan, Norwegen und die Schweiz. Neu dabei: die Seychellen.

ZEIT: Das Wahlrecht steht aktuell aber nicht zur Debatte.

Lindberg: Selbstverständlich waren die Umstände und Sorgen damals andere. Aber 1965 ist insofern symbolisch, als die meisten amerikanischen Politikwissenschaftler sagen würden, die Zeit danach war entscheidend für die Entwicklung der USA zu einer Demokratie im modernen Sinne. Man kann nicht in der Hälfte des Landes Apartheid haben und gleichzeitig Demokratie.

ZEIT: Woran machen Sie den aktuellen Zerfall der US-Demokratie fest?

Lindberg: Bisher geht es der US-Führung darum, die Gewaltenteilung abzuschaffen, die Macht in der Exekutive, bei Präsident Trump, zu konzentrieren, die Kontrolle über den öffentlichen Dienst und die zuständigen Behörden zu erlangen, Geheimdienste wie das FBI zu nutzen, um Gegner ins Visier zu nehmen, die Unabhängigkeit der Justiz zu untergraben, Richter einzuschüchtern. Fast alle wichtigen Gesetzgebungen werden nun durch Exekutivverordnungen durchgeführt, und zwar in einem Ausmaß, das wir noch nie zuvor gesehen haben. Der Präsident setzt Kongressentscheidungen und Gesetze außer Kraft, sogar die "Kontrollbefugnis über den Haushalt". Und der Kongress unternimmt nichts, um dieser exekutiven Machtergreifung Grenzen zu setzen.

ZEIT: Lässt sich das mit Zahlen belegen?

Lindberg: Trump hat allein im Jahr 2025 insgesamt 225 Exekutivverordnungen erlassen. Im gleichen Zeitraum hat der Kongress 49 Gesetze verabschiedet. Für den Kongress ist das so gut wie nichts. Wenn man sich dann den Inhalt der 49 Gesetze ansieht, handelt es sich um unbedeutende Dinge, zum Beispiel, dass in einem Nationalpark die Schilder ausgetauscht werden sollen. Das einzige wichtige Gesetz war das Finanzierungsgesetz, das die Schließung der Bundesbehörden im Herbst (Shutdown) beendete. Die Exekutivverordnungen von Präsident Trump hingegen bedeuten große Veränderungen. Sie verändern die Gesellschaft, schaffen Behörden ab oder ändern deren Arbeitsweise, verhängen globale Zölle und ändern Wahlgesetze. Das zeigt die Konzentration der Macht. Tatsächlich ist ein Großteil der legislativen Gewalt bereits auf Trump übergegangen.

ZEIT: Und das verstößt gegen die Verfassung?

Lindberg: Ja, es gibt entsprechende Urteile. Gleichzeitig hat der Oberste Gerichtshof einige dieser Eingriffe des Präsidenten in einer Reihe von Urteilen legitimiert. Darüber hinaus beobachten wir die zunehmende Unterdrückung von Protesten und die Einschüchterung von Menschen durch ICE und das FBI. Sie verwenden etwa Gesichtserkennungssoftware, um Menschen zu registrieren, die an Protesten teilnehmen. Die bekommen dann später Besuch von der Polizei. Das erinnert an China.

ZEIT: Auch Medienhäuser, kulturelle Institutionen und Universitäten wurden zur Zielscheibe ...

Lindberg: Richtig. Wir könnten die Liste ewig fortsetzen. Der sogenannte Trump-Action-Tracker hat bislang rund 2.700 dokumentierte Fälle aufgezeichnet, in denen die US-Demokratie auf verschiedene Weise untergraben wurde. Es ist so viel in so kurzer Zeit passiert, dass es schwierig für uns war, das alles zu erfassen, zu gewichten und zusammenzufassen.

US-Regierung verfolgt einen klaren Plan, die Demokratie zu schwächen

ZEIT: Trump hat für all das ein Jahr gebraucht. Ist das vergleichsweise schnell?

Lindberg: Ja. Orbán hat vier Jahre benötigt, um in Ungarn einen demokratischen Rückgang dieser Größenordnung zu erreichen; Erdoğan in der Türkei und Modi in Indien etwa zehn Jahre.

ZEIT: Heißt das, die US-Regierung verfolgt einen klaren Plan, die Demokratie zu schwächen?

Lindberg: Ja, ich denke schon, ganz offensichtlich. Es gibt noch einen weiteren Tracker, den sogenannten Projekt-2025-Tracker. Das Projekt 2025 ist eine politische Agenda mit über 300 Zielen, die von dem konservativen Thinktank Heritage Foundation entwickelt wurde. Fast die Hälfte dieser Ziele wurde in nur einem Jahr erreicht. Es scheint also eindeutig, dass die Trump-Regierung das Projekt 2025 als Blaupause dafür nutzt, was wann zu tun ist und wie es zu tun ist. Es ist auch kein Zufall, dass einer der führenden Architekten des Projekts 2025, der christliche Nationalist Russell Vought, die nationale Haushaltsbehörde leitet. Das ist eines der mächtigsten Ämter in der US-Regierung, alle Entscheidungen und Pläne in den Ministerien werden von dort koordiniert.

ZEIT: Was muss noch passieren, bis aus der Demokratie eine Autokratie wird?

Lindberg: Nicht viel. Der einzige Grund, warum die USA laut unserer Daten noch nicht als Wahlautokratie gelten, ist, dass die Wahlen 2024 unter der Biden-Regierung frei und fair waren. Trump hat die Wahl gewonnen und ist im Amt. In diesem Sinne verlief der Übergang also reibungslos. Und das hält die USA weiterhin als Wahldemokratie am Leben, wenn auch nur knapp.

ZEIT: Wie genau kommen Sie zu dieser Einordnung?

Lindberg: Wir stützen uns auf etwa 31 Millionen Datenpunkte, die von einem Netzwerk von mehr als 4.200 Forschern und Experten aus aller Welt zusammengetragen wurden. Merkmale wie freie und faire Wahlen, Bürgerrechte, Unabhängigkeit der Justiz, Gleichstellung der Geschlechter oder Pressefreiheit werden in diesen Daten berücksichtigt. Andere Demokratieberichte – der Bericht von Freedom House erscheint auch im März – kommen in der Regel zu ähnlichen Ergebnissen. Alle Institutionen, Normen und Prozesse der Demokratie werden massiv angegriffen. Hunderte von Fällen belegen, dass Präsident Trump sich nicht um Rechtsstaatlichkeit, um Gesetze oder um die Verfassung schert. Er hat das sogar selbst mehrfach gesagt. In einem Interview mit der New York Times erklärte er, dass die einzige Grenze seiner Macht die eigene Moral sei. So spricht jemand, der sich selbst als Diktator sieht.

ZEIT: Wie blicken Sie auf die bevorstehenden Midterm Elections?

Lindberg: Die sind entscheidend. Trump hat bereits eine Exekutivverordnung erlassen, die strenge Ausweisvorschriften für die Registrierung zur Wahl vorschreibt. Er hat darin angewiesen, alle Wählerverzeichnisse zu überprüfen und die Briefwahl eingeschränkt. Das Justizministerium hat 24 Bundesstaaten verklagt, die diese Anordnungen abgelehnt haben. Trump hat zudem Susan Ruge-Hudson als neue Generalinspektorin der US-Wahlkommission FEC ernannt, die für die Überwachung und Regulierung der Wahlkampffinanzierung zuständig ist. Ruge-Hudson gilt als eine der prominentesten Leugnerinnen der Rechtmäßigkeit der Wahlen von 2020. Außerdem gab es Drohungen aus verschiedenen Teilen der Regierung, mit Einsatzkräften von ICE und des FBI die Stimmabgabe zu überwachen. Wir wissen nicht, wo all das enden wird.

ZEIT: Was ist Ihre größte Sorge?

Lindberg: Sollten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus und möglicherweise auch im Senat verlieren, sehe ich keinen Grund, darauf zu vertrauen, dass Präsident Trump und seine Regierung dieses Ergebnis akzeptieren werden. Und dann befinden wir uns in einer reinen Autokratie.

ZEIT: Damit ist es nicht lediglich die Wahrnehmung vieler in Europa, dass die USA den Weg Richtung Autokratie eingeschlagen haben?

Lindberg: Nein, tatsächlich habe ich den Eindruck, dass das Ausmaß der Autokratisierung in den USA in Europa noch unterschätzt wird. Als ich im März vergangenen Jahres in den USA war, um den Bericht vorzustellen, wagten es auch einige Kollegen – Professoren an Eliteuniversitäten – nicht mehr, offen über die Trump-Regierung zu sprechen. Es sei denn, wir befanden uns in einem Raum, in dem niemand mithören konnte.

ZEIT: Zum Abschluss: Gibt es auch Lichtblicke? Gibt es Demokratien, die stabil bleiben oder Länder, die die Rückkehr zur Demokratie antreten?

Lindberg: Was die Länder an der Spitze unseres Demokratierankings angeht, ändert sich nicht viel. Dort tauchen die Länder Nordeuropas, die Schweiz und einige baltische Länder auf. Costa Rica zählt ebenfalls dazu, Australien und auch Uruguay. Die Seychellen sind die Nummer eins unter den Ländern, die momentan den Weg zur Demokratie beschreiten. Sri Lanka, Timor-Leste, die Salomonen, die Dominikanische Republik und Montenegro gehören auch dazu. Das sind viele kleine Länder, aber auch Brasilien und Polen haben in den letzten Jahren eine echte Kehrtwende vollzogen. Das sind wirklich positive Nachrichten. Nun sind Guatemala in Lateinamerika sowie Botswana, Lesotho und Mauritius in Afrika hinzugekommen.

ZEIT: Mauritius zählte lange zu den wenigen liberalen Demokratien Afrikas.

Lindberg: Ja, genau. Aber dann schlug das Land ab 2018 den Weg Richtung Autokratie ein. Das war wirklich auffällig, denn Mauritius war bereits in den 1970er-Jahren eine unabhängige Demokratie. Jetzt ist der Inselstaat wieder eine Demokratie.

ZEIT: Wie stoppt man Autokratisierungswellen?

Lindberg: Die Forschung zeigt, dass es kein Patentrezept für eine Kehrtwende gibt, aber dass eine Kombination aus drei Schlüsselfaktoren wichtig zu sein scheint: Erstens braucht es starke institutionelle Schutzmechanismen, die als Bremse wirken. Integre Wahlen und eine unabhängige Justiz etwa. Zweitens sind robuste gesellschaftliche Aktionen entscheidend, die als Motor der demokratischen Wiederbelebung dienen können. Dazu gehören eine vereinte Opposition, eine aktive Zivilgesellschaft, unabhängige Medien und gewaltfreie Massenproteste für die Demokratie. Drittens ist frühes Handeln wichtig, da die meisten Kehrtwenden am Ende des ersten Wahlzyklus stattfinden.

ZEIT: Was kann man daraus für die USA lernen?

Lindberg: Wenn wir das auf die USA übertragen, dann wird das Justizsystem – und hier vor allem der Supreme Court – wahrscheinlich die entscheidende Rolle spielen, um die autokratischen Entwicklungen zu stoppen. Zudem könnten die einzelnen Bundesstaaten durch ihre Regierungen und Justizbehörden die föderale Regierung stärker kontrollieren. Und natürlich ist jeder einzelne US-Bürger gefragt. In diesen immer düstereren Zeiten müssen wir uns alle für die Demokratie starkmachen.

Montag, 16. März 2026

Alexander Kluge zum Tod von Jürgen Habermas

 Alexander Kluge zum Tod von Jürgen Habermas

"Noch im Dezember hat Habermas Pläne gemacht"


Fast 70 Jahre verband Alexander Kluge und Jürgen Habermas eine tiefe Freundschaft. Hier spricht der große Intellektuelle über den kürzlich verstorbenen Denker.

Interview: Dr.Peter Neumann

In DIE ZEIT 16. März 2026


DIE ZEIT: Herr Kluge, mit dem Tod von Jürgen Habermas scheint auch noch etwas anderes zu Ende gegangen zu sein. Nur was eigentlich?

Alexander Kluge: Es liegt ein rasanter Unterschied zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich ihn kennengelernt habe, und seinem Tod. Es war 1957: Wir lebten nicht mehr in der Adenauer-Welt, aber auch noch nicht in der Welt der Protestbewegung mit ihren starken Parolen. Es war eine Art Zwischenzeit. Unsere Republik, vor allem ihre Öffentlichkeit, bewegte sich in viele Richtungen.

ZEIT: Inwiefern?

Kluge: Habermas war damals Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung, ich war ein junger Jurist. Wir bewegten uns im selben intellektuellen Umfeld. Unser Denken entstand aus der Erfahrung, dass Öffentlichkeit sich behaupten muss, gegen politische Mythen, gegen den Nachhall des Nationalsozialismus. Uns verbindet die Kritische Theorie, und Habermas stellte eine Frage, die bis heute aktuell ist: Wie kann eine Öffentlichkeit funktionieren, wenn sie von irrationalen Bewegungen oder neuen Spiritualismen bedrängt wird?

ZEIT: Heute scheint der Irrationalismus mit Macht zurück zu sein.

Kluge: Heute sehen wir eine seltsam veränderte Welt. Manche sprechen sogar von einer "dunklen Aufklärung", die vor allem im Umfeld des Silicon Valley entstanden ist. Und dennoch: Noch im Dezember hat Habermas Pläne gemacht. Er dachte über Werkstätten nach, Orte, an denen die Grundwerkzeuge von Philosophie und kommunikativem Handeln neu geeicht und weiterentwickelt werden. Es ging ihm nicht nur ums Denken, sondern auch um den emotionalen Haushalt der Menschen, um das Bauhaus der subjektiven Erfahrung.

ZEIT: Habermas hat die zunehmende Erosion der Öffentlichkeit in seinem 2022 erschienenen Neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit selbst beschrieben: Filterblasen bestimmen das diskursive Geschäft, verwischen die Grenze zwischen privat und öffentlich und untergraben so den gemeinsamen, inklusiven Sinn von Öffentlichkeit. Etwas, das man laut ihm nicht wollen kann.

Kluge: Genau. Wenn eine Welt kalt wird, wenn die Lebensumstände schwierig werden und der Krieg wieder einzieht, kommt ein Punkt, an dem Menschen sagen: Diese Wirklichkeit möchte ich abwählen.

ZEIT: Habermas wirkte in den vergangenen Jahren oft verzweifelt angesichts der Kriege, der geopolitischen Konflikte, aber auch der stereotypen Reaktionen der Öffentlichkeit.

Kluge: Seine Antwort auf diese Enttäuschungen war, ihnen nicht nachzugeben. Gerade in der Krise der Aufklärung kann man sich keine Mutlosigkeit leisten.

ZEIT: Und dennoch können wir uns nicht mehr auf eine Kanzel stellen, weder akademisch noch politisch.

Kluge: Wir brauchen eine neue Suchbewegung. Habermas ging immer davon aus, dass den Menschen eine gewisse Großzügigkeit und Menschenfreundlichkeit, also erfahrungsgesättigte Kommunikation, eingeboren ist.

ZEIT: Er hat das einmal "Transzendenz von innen" genannt: Etwas ist in uns, das sich gegen die kalte Zeit stellt.

Kluge: Ja. Aber nicht im Sinne, dass wir uns gegenseitig nur warm reden. Es geht darum, gemeinsam Untersuchungen anzustellen. Habermas begann mit der Öffentlichkeit. Das ist sehr praktisch gedacht: Wie können Menschen gemeinsam denken? Der Mensch ist nicht nur ein Homo sapiens, sondern auch ein Homo compensator, er sucht den Ausgleich. Es ist merkwürdig, dass dieses Gleichgewicht gemeinsam mit der Sprache und dem Unterscheidungsvermögen für Zwischentöne in unserem Ohr in drei Knöchel hergestellt wird. Das ist eine ungewöhnliche Kombination von sinnlicher Kraft. Wir brauchen aber zusätzlich das Gefäß einer intakten Öffentlichkeit.

ZEIT: Und wenn diese Öffentlichkeit nun beschädigt ist?

Kluge: Gerade dann. Für Habermas ging es immer darum, Öffentlichkeit zu verteidigen. Das kann lange dauern. Große historische Prozesse brauchen Jahrzehnte. Sein Werk ist eine riesige Schatzkiste. Vielleicht sind zehn Prozent davon erforscht. Der Rest wartet auf uns.

ZEIT: Warum haben Sie nie ein Buch zusammen gemacht?

Kluge: Dafür waren wir zu unterschiedlich.

ZEIT: Inwiefern?

Kluge: Im Grundmotiv gibt es zwischen uns keinen Unterschied. Aber ich arbeite in einem anderen Metier, stärker in einzelnen Geschichten. Ich könnte gar nicht, was Habermas kann: in unserer wirren Zeit eine große Orientierung schaffen.

ZEIT: Sie kannten Habermas beinahe 70 Jahre lang. Wie würden Sie ihn als Freund beschreiben?

Kluge: Als einen der verlässlichsten Menschen, die ich je getroffen habe. Alles, was er sagte, hätte ich blind unterschrieben.

ZEIT: Das müssen Sie uns erklären.

Kluge: Diese Verlässlichkeit zeigte sich im Persönlichen. Zum Beispiel in seiner lebenslangen Bindung an seine Frau Ute. Die beiden waren mehr als 70 Jahre zusammen. Ihr Tod im Jahr 2025 hat ihn tief erschüttert. Es ist kein Geheimnis: Er wollte nicht ohne sie weiterleben. Auch so etwas ist ein Ausdruck von Verlässlichkeit.

ZEIT: Ohne sie als Ermöglicherin wäre er wohl auch nicht der Habermas geworden, den wir kennen.

Kluge: Genau. Aber die Verlässlichkeit zeigte sich auch im Denken. Wenn man mit ihm sprach, konnte man sicher sein: Er geht auf das Argument ein. Er nimmt es ernst. Kommunikation bedeutet für ihn nicht nur Rede oder Rhetorik. Es geht um die Tonlage zwischen Menschen. In einer kleinen Stadt, auf dem Land, im Gespräch zwischen Nachbarn. Das ist kommunikatives Handeln.

ZEIT: Habermas sprach immer vom "unvollendeten Projekt der Moderne", das Gespräch durfte nicht aufhören.

Kluge: Ja. Und wir sind aufgerufen, daran weiterzuarbeiten. Wir sind ihm das schuldig. Aber auch unabhängig davon wären wir gut beraten, das Denken als Werkstatt zu begreifen. Denken ist nicht nur eine Tätigkeit des Kopfes. Es umfasst den ganzen emotionalen Haushalt des Menschen bis hin zur Haut. Wenn im Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs, so heißt es bei Sigmund Freud, die Haut auf den Matsch mit Allergie antwortet, vermag kein Vorgesetzter mehr, dem Soldaten eine Uniform überzustülpen. Dann ist der Krieg zu Ende. Die Haut ist manchmal klüger als der Kopf.

ZEIT: Liegt darin womöglich auch ein Grund, warum Habermas, der sich ein Leben lang mit dem Neuanfang beschäftigt hatte, im hohen Alter auf einmal selbst ein Philosoph im Krieg wurde?

Kluge: Habermas sprach in solchen Momenten von Generosität. Sie sei ein Verbündeter der Vernunft. Großzügigkeit heißt: Ich versetze mich in den Kopf meines Gegners. Ich versuche zu verstehen, was für ihn unverzichtbar ist, und suche so lange, bis ich einen Punkt finde, an dem auch er versteht, was für mich, für meine Seite unverzichtbar bleibt. Das ist der Punkt der Einigung. Aber er ist schwierig zu finden, wenn unsere öffentliche Sprache wie eine Artillerie von Phrasen ist.

ZEIT: Aber im konkreten Gespräch ist es möglich?

Kluge: Ja. Öffentlichkeit muss immer wieder neu entstehen. Und dafür brauchen wir Neugier, Geduld und die Bereitschaft, gemeinsam zu denken. Das Denken von Jürgen Habermas ist nicht vorüber. An dieser Baustelle können wir weiterarbeiten.



Sonntag, 15. März 2026

Jürgen Habermas

Philipp Felsch

Grundlagenforscher einer besseren Gesellschaft. 

Jürgen Habermas brachte den Deutschen das Denken in Kompromissen bei. Dabei schreckte er selbst nie vor polemischen Auseinandersetzungen zurück.

In: DIE ZEIT 14. März 2026


Wer in den letzten Jahren das Glück hatte, von Jürgen Habermas in seinem Haus in Starnberg empfangen zu werden, konnte meinen, er sei in dreißig S-Bahn-Minuten vom Münchner Hauptbahnhof nach Upstate New York gelangt: Der modernistische Bungalow in lichtem Mischwald schien eher in die Hamptons als nach Oberbayern zu gehören. In Chinos und fabrikneuen Laufschuhen, mit seiner zugewandten, schnörkellosen Art, wirkte der Philosoph eher wie ein emeritierter Ivy-League-Professor als ein Ordinarius im Ruhestand.

An seiner Erscheinung konnte man nicht nur seine Weltläufigkeit ablesen, man konnte auch ermessen, welche Modernität einmal von seiner Person ausgegangen sein muss: Mit Habermas brach die westliche Nachkriegsmoderne in den Kosmos des deutschen Denkens ein – wobei "westlich" für ihn immer mit "amerikanisch" gleichbedeutend war. Zwar radelte er als Student bis nach Marseille und verbrachte seine Familienurlaube später in der Bretagne, doch die intellektuellen Lockstoffe seines Lebens kamen von jenseits des Atlantiks. Als er 1965, schon neuer Star der Frankfurter Schule, zu seiner ersten Grand Tour in die Neue Welt aufbrach, tat er das in dem Bewusstsein, ein provinzieller Europäer zu sein. Er lernte New York, Chicago und Berkeley kennen, besuchte ein Teach-in und saß zum ersten Mal vor einem Fernseher – nachdem er den fatalen politischen Effekten des neuen Mediums schon in seiner Habilitationsschrift über den Strukturwandel der Öffentlichkeit nachgegangen war.

Aus den USA brachte er den Impuls zurück, die Philosophie mit der Forschungsagenda der Einzelwissenschaften kurzzuschließen – eine Strategie, die mit der Suhrkamp-Reihe Theorie, für die ihn Siegfried Unseld als Berater engagierte, bald auch ein offizielles Label bekam. Die "Abschaffung von Tiefsinn" sei ihre intellektuelle Mission gewesen, hat er, der selbst im raunenden Sound von Heidegger zu philosophieren begonnen hatte, einmal über seine Generation gesagt.

Allein die Vielzahl der Labels, die man ihr angeheftet hat – Flakhelfer, Skeptiker, Neunundzwanziger, Fünfundvierziger –, zeugt von dem Raum, den diese Generation im politischen und kulturellen Haushalt von Nachkriegsdeutschland einnahm. Zu jung, um ernstlich kompromittiert, aber alt genug, um für die Epochenschwelle voll empfänglich zu sein, fanden sich die Fünfundvierziger nach dem Krieg in einer historischen Pole-Position wieder. Die Erwartungen, die viele von ihnen mit der Gründung der Bundesrepublik verbanden, wurden allerdings bald im restaurativen Klima der Adenauerzeit enttäuscht.

Anspruch auf freundliches Zusammenleben

Zu den für Habermas besonders einschneidenden Enttäuschungen gehört die Entdeckung, dass Martin Heidegger, der seine ersten Denkbewegungen angeleitet hatte, offenbar keinen Grund sah, von seinem Engagement für den Nationalsozialismus abzurücken. Eine Haltung, in der sich die Problematik einer ganzen Gesellschaft zu verdichten schien. Die Überzeugung, eine historische Chance verpasst zu haben, bestimmte Habermas' Verhältnis zur Bonner und selbst noch zur Berliner Republik. Das Gefälle zwischen Anspruch und Realität, zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, wurde zum Motor, der seine kritische Gesellschaftstheorie antrieb.

In einem seiner schönsten Texte, mit dem er 1977 eine Sammlung biografischer Profile einleitete, hat er die Vorzüge der philosophischen Essayistik gepriesen, die er mit Autoren wie Adorno, Hannah Arendt und Walter Benjamin verband. Nach landläufigem Urteil gehört er selbst nicht in diese Reihe. Der Ruf des spröden, scholastischen Denkers haftete ihm spätestens seit der Publikation seines Magnum Opus, der Theorie des kommunikativen Handelns aus dem Raketenherbst des Jahres 1981 an.

Auch Adorno, der ihn in den 1950er-Jahren als Assistenten am Institut für Sozialforschung einstellte, hat es seinen Lesern nicht leicht gemacht. Doch die Herausforderung, die seine schmerzhaft in sich verwickelte Gedankenlyrik darstellt, ist von anderer Art. Mit dem Gestus des charismatischen Denkers ignorierte er das expandierende Universum der Sekundärliteratur. Dagegen eignete sich Habermas einen systematischen Zugriff an. Gut möglich, dass der Chef seinem Mitarbeiter nur allzu gern das niedere Geschäft des Bibliografierens überließ – jedenfalls zeichnete die Verarbeitung großer Mengen von Forschungsliteratur fortan dessen Denk- und Schreibstil aus. Man hat ihm daher immer wieder nachgesagt, ein Philosoph ohne originäre Gedanken, ja ein "Genie der Paraphrase" zu sein. Man kann in der interdisziplinären Vielstimmigkeit seiner Texte aber auch die Konsequenz einer philosophischen Programmatik erkennen, die aus der Kontingenz einer epochalen Lebenserfahrung geboren war.

Die Grundlagenforschung für eine bessere Gesellschaft, der er ab Anfang der 1970er-Jahre am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg nachging, verfolgte das Ziel, dem Anspruch auf ein "freundliches Zusammenleben" ein wissenschaftliches Fundament zu geben. Nach Ausflügen zu Marx und in die Psychoanalyse entdeckte Habermas schließlich die Sprache – oder genauer: die Kommunikation – als den gesuchten archimedischen Punkt. Um überhaupt sinnvoll miteinander sprechen zu können, so lautete seine ebenso einfache wie bahnbrechende Erkenntnis, müssen wir davon ausgehen, dass Verständigung – und damit Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit – mit sprachlichen Mitteln prinzipiell erzielt werden kann. Wir sind, wie er unter Rekurs auf die neuere angloamerikanische Sprachphilosophie formulierte, gezwungen, die Möglichkeit einer "idealen Sprechsituation" zu unterstellen.

Die ideale Sprechsituation

Eine Theorie, die der Bonner Republik wie auf den Leib geschrieben schien. Schließlich haben die Deutschen die Kulturtechnik des Diskutierens erst nach dem Zusammenbruch von 1945 zu schätzen gelernt. Während sich die Westeuropäer über Jahrhunderte immer zivilere Umgangsformen angewöhnten, hatten sie nicht aufgehört, die autoritären Tugenden des Obrigkeitsstaats zu kultivieren.

Kompromiss: bis 1945 ein deutsches Schimpfwort, eigentlich immer schon "faul". Es brauchte die bedingungslose Kapitulation und die amerikanische reeducation, um die Errungenschaften diskursiver Verständigung auch hierzulande heimisch werden zu lassen. Mit dem für Konvertiten charakteristischen Eifer erfanden die Achtundsechziger den Neologismus des "Ausdiskutierens" und stürzten sich in die unendlichen Gespräche der Alternativkultur. Habermas, dem lebensreformerische Ideen zeitlebens fremd waren, machte den zwanglosen Zwang des besseren Arguments unterdessen zum Zentrum einer monumentalen Gesellschaftstheorie.

Mit dem Begriff der "idealen Sprechsituation", seiner vielleicht bekanntesten Wortschöpfung, bot er seinen Kritikern allerdings eine offene Flanke. Handelte es sich dabei lediglich um eine notwendige Unterstellung, also um etwas, das beim Sprechen ohnehin andauernd geschieht? Oder um die Chiffre einer utopischen, in Zukunft zu realisierenden Lebensform? Was hatte eine Theorie, die Kommunikation auf Verständigung reduzierte, zu Ironie, zu Literatur oder zu Smalltalk zu sagen? Hätten alle Völker zu allen Zeiten dem Goldstandard des herrschaftsfreien Diskurses zugestimmt?

Er hatte kein Verhältnis zur DDR

Die Rolle des "Hüters der Rationalität" zu spielen, seufzte Habermas zu Beginn der 1980er-Jahre, bringe "zunehmend Ärger" ein. Nachdem der progressive Geist der Trente Glorieuses abgeklungen war, sah er sich zunehmend in eine defensive Position gedrängt. Man könnte seine intellektuelle Biografie auch als eine lange Reihe öffentlicher Auseinandersetzungen erzählen: vom Positivismusstreit über das Zerwürfnis mit den Achtundsechzigern und die Debatte mit Niklas Luhmann bis zu den Scharmützeln mit seinen liberalkonservativen und postmodernen Gegenspielern.

Man hat ihm wieder und wieder vorgeworfen, den Regeln des herrschaftsfreien Diskurses in seiner eigenen Praxis zuwiderzuhandeln. Tatsächlich ist Habermas nie vor scharfen Urteilen und wuchtiger Polemik zurückgeschreckt. Der Theoretiker des Konsenses neigte dazu, die Welt in Freunde und Feinde zu unterteilen. Der akademische Philosoph, der sich selbst einmal als "bedauernswert seriös" bezeichnet hat, konnte jederzeit dem impulsiven Denker weichen, dessen stilistische Brillanz erst in der Kampfzone des Diskurses zur vollen Entfaltung kam.

Mehr aus dem Ressort

Sein größter Coup als öffentlicher Intellektueller ist ihm ohne Zweifel im Historikerstreit geglückt, als er es mit den Deutungsansprüchen einer ganzen Disziplin aufnahm. Zunächst identifizierte er die krude These des Historikers Ernst Nolte, nach der Auschwitz eine Reaktion auf den sowjetischen Gulag gewesen war, und die Bemühungen der Kohl-Regierung zur Normalisierung des Umgangs mit der deutschen Geschichte als Aspekte ein- und desselben revisionistischen Backlash. Langfristig gelang es ihm, die Pflicht, den Holocaust als singuläres Menschheitsverbrechen zu erinnern, als breiten gesellschaftlichen Konsens durchzusetzen. Als Leser von Hegel und Marx wusste er allerdings auch, dass die

Sittlichkeit einer Gesellschaft unter veränderten historischen Vorzeichen zu Ideologie verhärten kann.

Dass man den Historikerstreit als Teil einer gesamteuropäischen Zeitenwende verstehen muss, macht Habermas' Gespür für den historischen Moment nur umso bemerkenswerter. In Frankreich, Italien und Osteuropa fanden vor und nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus vergleichbare Auseinandersetzungen statt. Schon zu Beginn der 1980er-Jahre hatte Habermas' Altersgenosse Hermann Lübbe die paradoxe Beobachtung notiert, dass das Gewicht der nationalsozialistischen Vergangenheit mit wachsender historischer Distanz nicht ab-, sondern zuzunehmen schien. Erst in dem Maß, wie die progressiven Erwartungshorizonte der Nachkriegsmoderne zusammenschmolzen, brach sich die verdrängte Erinnerung Bahn.

Europa als Lebensversicherung gegen den Nationalismus

Auch im Habermas'schen Œuvre kann man die Verschiebung der Zeitachsen zusammen mit einer Neujustierung der politischen Aspirationen erkennen. Während sich das Wort vom "demokratischen Sozialismus", die Chiffre für die nie realisierte, bessere Republik, schon vor der Zäsur von 1990 aus seinen Schriften heraus zu schleichen begann, rückte die Vision einer durch das Gedenken an Auschwitz garantierten postnationalen Identität der Deutschen in den Vordergrund. Die Wiedervereinigung stellte für diese Vision das denkbar ungünstigste Szenario dar.

Just als der Lernprozess der vierzigjährigen bundesrepublikanischen Geschichte Früchte zu tragen begann, just als das Land endlich "zum Zeitgenossen des westlichen Europas" geworden war – eine Entwicklung, die Habermas nicht zuletzt als Verdienst seiner Generation betrachtete, – drohte es in längst überwundene Muster eines nationalen Selbstverständnisses zurückzufallen. Typisch für viele Vertreter der linksliberalen westdeutschen Intelligenz hatte Habermas nie ein Verhältnis zur DDR gehabt. Und man darf wohl behaupten, dass er, der das Geschichtszeichen 1989 stets im Schatten von 1945 stehen wissen wollte, auch nur insoweit zum philosophischen Repräsentanten der Berliner Republik geworden ist, als sie eine Fortsetzung ihres Bonner Vorläufers darstellte.

Nach dem historischen Abbruch des Experiments Bundesrepublik verlegte er sein intellektuelles Engagement zunehmend auf das Projekt der europäischen Einigung, das er – abgesehen von den Kautelen der Vergangenheitspolitik – als Lebensversicherung gegen einen neuen deutschen Nationalismus ansah. Spätestens mit dem rot-grünen Regierungswechsel fühlte sich Habermas, dessen diskurstheoretische Rechtsphilosophie noch in den frühen 1990er-Jahren von konservativen Kritikern als anarchistisch bezeichnet worden war, "in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen".

In der Rolle des staatstragenden Denkers trat er an der Seite von Außenminister Joschka Fischer 1999 für den Nato-Einsatz im Kosovo ein. Das gilt im Prinzip auch für seine Stellungnahmen zum Ukrainekrieg. Diejenigen, die ihm Defätismus angesichts der russischen Aggression vorwarfen, übersahen, dass seine Kritik der militärischen Gewalt dort endete, wo er fundamentale Freiheitsrechte gefährdet sah. Die hitzige Debatte machte vor allem eines deutlich: welches Gewicht seine Stimme in der deutschen Öffentlichkeit bis zuletzt besaß. Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben.