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Freitag, 6. Oktober 2017

Rechte, Ressentiments

Isolde Charim

Das Erstarken der Rechten

Nachdem nun die rechtsradikale Partei AfD in den Bundestag einzieht, lohnt sich ein Blick in die Nachbarländer, wo dieser Rubikon schon vor Jahrzehnten überschritten wurde. In Länder, wo im aktuellen Wahlkampf bei einem Treffen der Kanzlerkandidaten neben den Vertretern der Volksparteien wie selbstverständlich – obwohl vor Kurzem noch undenkbar – der Chef der FPÖ mit dabei sitzt. Als Dritter im Bunde. Kurzum – es lohnt sich, einen Blick nach Österreich zu werfen, einem Land mit einer traurigen Avantgardeposition in Sachen Rechtspopulismus.
Dort sieht man Alltagsrassismus, wie es ihn in jeder Gesellschaft gibt – Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Homophobie, was auch immer. Die wesentliche Frage dabei aber ist: Wie werden diese Rassismen politisch dargestellt? Wie werden sie artikuliert, welchen Stellenwert nehmen sie ein? In Österreich gibt es rund 30 Prozent der Bevölkerung, die solches teilen. Das Entscheidende aber ist, dass es diese 30 Prozent sind, die „den politischen Spin produzieren“ (Robert Menasse).
Den Spin produzieren heißt, die Themen vorgeben. Den Umgang mit diesen. Und den Kammerton. Den Spin produzieren heißt, weit über die eigene Partei hinaus, die öffentliche Debatte prägen.
Wie es dazu kommt, ist eindeutig zu benennen: Dem liegt ein falsches Verständnis von Repräsentation zugrunde – die Vorstellung, Repräsentation sei einfach eine Abbildung, die Darstellung von dem, was da ist. Etwa: Es bestehen Ressentiments in der Bevölkerung. So sagt das natürlich keiner. Was man aber sagt, ist: Es gibt Sorgen in der Bevölkerung – auch wenn „Sorgen“ nur eine Umschreibung für Ressentiments ist. Und wenn es sie gibt, dann müssen diese von der Politik auch repräsentiert werden. Es ist dies die Vorstellung einer gewissermaßen „naturalistischen“ Politik. Ein Konzept, das dem Irrtum aller Naturalismen unterliegt. Denn weder sind Ressentiments einfach etwas Gegebenes, noch ist Repräsentation einfach Abbildung dessen, was da ist. Das gilt in der Kunst ebenso wie in der Politik. Es war der französische Soziologe Didier Eribon, der auf einen besonderen Umstand hingewiesen hat. In Frankreich – auch ein Land, wo man in Sachen Rechtspopulismus hinschauen kann – findet man solche Ressentiments ebenso in der Bevölkerung. Man findet sie auch bei einstigen KP-Wählern, die inzwischen Le Pen wählen. Das mag überraschen, aber auch, dass sie schon, als sie noch überzeugte Kommunisten waren, Ressentiments hegten, ebensolche Ressentiments, die heute Populisten zum Blühen bringen.
Eine der wichtigsten Lektionen Eribons ist, den Unterschied deutlich zu machen. Der Unterschied zwischen einst und jetzt ist, wie anders die Politik heute damit umgeht. Nun werden negative Leidenschaften, die in der Gesellschaft zirkulieren – unter dem Vorwand, nur die Stimme des Volkes wiederzugeben –, aufgegriffen und „mit einem stabilen diskursiven Rahmen und gesellschaftlicher Legitimität“ versehen, so Eribon. Politik hat also eine eminente Funktion in Bezug auf Ressentiments. Denn die Darstellung, das Zu-Wort-Kommen, wirkt ja auf das Dargestellte zurück. Repräsentiert bekommen Ressentiments einen ganz anderen Stellenwert als nicht repräsentiert. Kurzum – Repräsentation verändert das Repräsentierte: Sie verwandelt spontane Vorurteile in politisch akzeptierte. Soll man Rassismus nicht zur Sprache bringen? Einfach unterdrücken? Braucht dieser nicht ein Ventil – auch ein politisches?
Die Frage ist, was man darunter versteht. Das Problem ist, wenn man das Ventil öffnet, wenn man solche negativen Leidenschaften zu Wort kommen lässt, dann befördert man diese – ob man das nun will oder nicht. Aufklärung? Debatte? Argumentieren? Das Problem dabei ist: Gegen Ressentiments kann man nicht vernünftig anreden, weil sie sich aus anderen Quellen als jener der Vernunft speisen. Man kann nur Dagegenhalten. Die eigene Position markieren. Damit verschwinden solche Vorurteile natürlich nicht. Aber sie werden zumindest nicht legitimiert, nicht akzeptiert und nicht befördert.
Es gilt also, den schwankenden Boden des öffentlichen Diskurses immer wieder zu befestigen. Ohne falsch verstandene Repräsentation. Nur dann werden die 30 Prozent den Spin nicht vorgeben.
Unter „Das Ressentimentventil aus: taz, 26.9.2017

Donnerstag, 7. Mai 2015

Bilderfallen

Georg Seeßlen: Bilderfallen

Das Gegen- oder Parallelbild zum Stinkefinger ( gemeint ist das Video, das den griechischen Finanzminister Varoufakis mit der einschlägigen Geste zeigt, von dem aber nicht sicher ist, ob und wie weit es gefälscht ist), wie man es nimmt, ist das einer Selbstinszenierung, die Homestory für die Illustrierte Paris Match, die Varoufakis zusammen mit seiner Ehefrau Danae Stratou, zufällig „Visual Artist“ eben bei Paris Match, im Penthouse über Athen zeigt. Es sind Bilder, die auf den ersten Blick superidyllisch wirken, als würden sie für eine Lebensversicherung oder für Immobilien werben. Traumschiff und Schöner Wohnen, Selbstbildnis des griechischen Finanzministers als junger urbaner Besserverdiener mit dezent luxuriösem Geschmack.

Die visuelle Strategie dieser Bilder ist nur zu klar (fast könnte man über ihre Naivität schon wieder so gerührt sein wie über die offensichtliche Unbeholfenheit der beiden Hauptdarsteller dieses Glückstraums): Man möchte sich zwar um jeden Preis gegen den übermächtigen Gegner, die Krawattenträger aus Berlin und Brüssel, positionieren, natürlich auch gegenüber den traditionellen Repräsentanten der ökonomischen Elite, aber auf keinen Fall als Vertreter der Loser gelten. Diese Bilder grenzen sich ab von einer als erfolglos, proletarisch, nostalgisch empfundenen „alten“ Linken und setzen auf das exemplarische Rollenmodell einer jungen, dynamischen, erfolgreichen und (post-)bürgerlichen Schicht, die alles zum Besseren wenden wird, nicht obwohl, sondern gerade weil sie um die mehr oder weniger kleinen Freuden des Lebens weiß. Hedonismus links.


Hier nun freilich sieht man, erneut als scheinbar positive Spiegelung des negativen Stinkefingers, dass die Subjekte dieser Inszenierung nicht wirklich mit der eigenen Ikonografie umgehen können. Erinnern wir uns an die Amtsantrittsphase der rot-grünen Regierung in Deutschland, mit ihrer öffentlichen Lust an teuren Anzügen, gefolgt von Rudolf Scharpings nun in der Tat peinigenden Bildergeschichte mit Swimmingpool und Gräfin.

In der Geste der Übernahme von Macht- und Luxussymbolen jener Klasse, die eine „linke“ Regierung eigentlich in die Schranken hätte weisen sollen, steckte bereits das gnadenlose Scheitern (oder sollen wir doch sagen: der Verrat?) dieses grün-linken Projekts: Machtlust und Eitelkeit ließen sich in den Bildern, die damals produziert wurden, kaum hinter halbherzigen Versuchen der Ironisierung verbergen. Und dann machten diese „new boys“ – denn in der Tat blieb ja auch dieses rot-grüne Projekt der Machtübernahme durch und durch männlich – wirklich genau die Politik, die man von Brioni-Trägern erwartet. (Nur Scharping hatte es mit seiner Bunte-Story, die ihn als vor Stolz und Eitelkeit platzenden Emporkömmling denunzierte, indem sie genau seinen Traum illustrierte, übertrieben und musste geopfert werden. Oder war es, mythopoetisch gesehen, noch einmal anders: Hatte dieser Scharping den closed shop einer vatermordenden Männerclique, die nur durch inneren Zusammenhalt zu verbergen vermochte, wie sehr sie nichts als Vaterkarikaturen waren, durch seine allzu dreiste Bilderöffnung empfindlich gestört? Wie auch immer: Der Bilderkrieg war damals jedenfalls verloren.)

Die griechische Regierung, die einen harten und notwendigen Kampf für ihre Gesellschaft und ihre Menschen gegen die Interessen der Banken und der neomerkantilistischen Politik zu führen hat, steckt, was ihre öffentlichsten Vertreter anbelangt, in einer ikonografischen Falle, um die sie wahrlich nicht zu beneiden ist. Sie müssten nicht nur ein Bild der besseren Zukunft entwerfen, sie müssten ein solches Bild auch sein.

Statt die Brionis und Armanis zu okkupieren, entschied man sich für eine widersprüchliche Art des Hedonismus, eine Art Luxushemdsärmeligkeit, an der aber, je genauer man hinsieht, desto weniger „Natürliches“ oder Selbstverständliches bleibt. Und wie er sich mit dem Stinkefinger in die islamisierte Kränkungsfalle begab, auch wenn er ihn im Kontext seiner Rede eben gerade als verworfene Option darstellte, so begab sich Varoufakis mit seiner Homestory in eine Klassenfalle: Ist er wirklich so ein Schnöselpromi, der dauergrinsend auf der Dachterrasse sein perfektes Dinner mit seiner perfekten Frau in perfekter Beleuchtung bereitet?

Oder offenbart jedes einzelne Bild das Gestellte, das Falsche, das Usurpierte dieser ikonografischen Selbstaussage? Wenn Mr. Varoufakis da wirklich lebt, was die billige Werbeästhetik der Fotos allerdings nicht hergibt, dann ist er keiner von uns; gehört er da aber nicht wirklich hin, dann hätte er die Macht schon verspielt. Der Widerspruch der Luxushemdsärmeligkeit setzt sich hier, gefährlich, ins Intime und Territoriale fort. Aus zwei falschen wird nur in sehr seltenen historischen Momenten ein richtiges Zeichen.

Die Islamisierung der Bilder ( = den direkten und indirekten Einfluss, den die Wahrnehmung eines Ereignisses, wie etwa des islamischen Terrors, auch auf Bilder ausübte, die motivisch gar nichts mit ihm zu tun hatten)reduziert diese auf ihren Signalcharakter. Bilder dürfen nur noch etwas repräsentieren, aber nichts mehr erzählen. Bilder werden nur noch als Reiz- und Kampfmittel eingesetzt. Wenn in der Vietnamisierung die Trümmer in die Bilder flogen, sind Bilder nun selbst Trümmer, die kaum noch verraten, in welchen Zusammenhängen sie einst entstanden. Bemerkenswerterweise begegnen sich da allerdings zwei Formen der Fetischisierung, denn auch im kapitalistischen Realismus des Neoliberalismus findet eine solche Reduzierung der Bilder statt. So ist das Stinkefingerbild genauso falsch wie das Homestory-Bild. Wie das eine von einer kränkenden Aggression erzählt, die niemals stattgefunden hat, konstruiert das andere eine Idylle der Versöhnung von Revolte und Reichtum, die es nicht geben kann. Wir kennen das nicht nur aus Hollywood-Filmen: Die Revolutionäre vergiften sich an ihrer Beute, und an ihrer Eitelkeit erstickt jeder soziale Elan.

Wer ist „schuld“ an diesen falschen Bildern, die möglicherweise das Scheitern der so dringend benötigten Revolte gegen das neomerkantilistische Diktat und den aufgezwungenen Bürgerkrieg schon vorwegnehmen? Und kann es wirklich sein, dass Stinkefinger- und Penthousefotos schon mehr entscheiden als Diskurs und Debatte? Vielleicht entkommen wir noch einmal der Bilderfalle. Und dann?

So wie das vietnamisierte Bild einst ein Bild war, das von Gewalt und Angst so viel zeigte, dass es nicht mehr lesbar war, ist das islamisierte Bild ein Bild, das Gewalt und Angst so lesbar macht, dass es nichts mehr zeigen kann. Und dasselbe gilt für das Gegenbild, jene Inszenierung, die die Lösung verspricht, das Glück, das uns blüht. Es ist nur noch Text, Chiffre, Reklame. Bei den Varoufakis gibt es heute (am 8. März des Jahres 2015, um genau zu sein) gebackenen Fisch, Meeresfrüchte, Gemüse, Salat und Käse, dazu ein Gläschen Weißwein und eine Menge Brot verschiedener Sorten. Wer zum Teufel soll das alles essen, in der Mittagssonne über den Dächern von Athen, wenn nicht die Bildermacher von Paris Match?

Auszug aus: Georg Seeßlen: Ist das Penthouse echt? Freitag 6.5.2015 online