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Donnerstag, 18. Juni 2026

Faschismus - was war das noch mal genau?

Ein Begriff von Faschismus

Renzension zu Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte von Leo Roepert

Als vor knapp einer Dekade nach dem „Brexit“-Referendum und der ersten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten die Debatte um das Erstarken autoritärer und nationalistischer Politik entbrannte, sprachen die meisten Beiträge von „Rechtspopulismus“ und bemühten sich darum, diesen vom Rechtsextremismus abzugrenzen. Die seitherige politische Entwicklung scheint diese Abgrenzung zunehmend unplausibel gemacht zu haben. Mehr noch: spätestens seit „Trump II“ hat sich eine Diskussion darüber entsponnen, ob und inwiefern die heutige Situation mit dem historischen Faschismus vergleichbar und zu ihrer Erklärung daher ein neuer Faschismusbegriff notwendig sei.[1]

Die Philosophin Eva von Redecker macht es sich in ihrem neuen Buch zur Aufgabe, einen solchen „Begriff des Faschismus für die Gegenwart“ zu formulieren (S. 12). Ihrer Selbstverortung in der Kritischen Theorie entsprechend geht es von Redecker darum, den neuen Faschismus nicht als politische Anomalie zu beschreiben, sondern aus der Dynamik des zeitgenössischen Kapitalismus zu erklären.

Im einleitenden Kapitel werden zunächst die Schwierigkeiten mit dem Faschismusbegriff diskutiert, etwa das „entlarvende Modell antifaschistischer Kritik“ (S. 12), das sich darauf konzentriert, bei den heutigen autoritären Kräften „punktuelle Entsprechungen zum Original“ nachzuweisen (ebd.). Bei historischen Analogien bestehe die Gefahr der Verharmlosung und die Logik der Skandalisierung, die dem Faschismusbegriff innewohne, verdränge allzu oft die Analyse. Umstritten sei zudem, wie der Begriff inhaltlich zu fassen und auf die Gegenwart zu übertragen sei: „Historisch extrahierte Kriterien bieten Anhaltspunkte, aber zugleich ist mehr als wahrscheinlich, dass sie gerade den Brennpunkt einer Neuauflage verpassen. Es ist schließlich nicht mehr dieselbe Welt, in der abermals zu Mythenbildung, zu terroristischer Staatsgewalt, zu Massenpropaganda gegriffen wird.“ (S. 16)

„Wer plündert, wird erschossen!“

Trotz dieser Schwierigkeiten scheint für die Autorin festzustehen, dass der Faschismusbegriff geeignet und sogar notwendig ist, um die autoritäre Dynamik der Gegenwart zu fassen und daher erneuert werden muss. Ihr Vorschlag lautet, ihn nicht über die Merkmale des historischen Faschismus, sondern über eine der zentralen rechtlich-ökonomischen Kategorien der modernen Gesellschaft zu bestimmen: „Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.“ (S. 17)

Dem Faschismus gehe es jedoch nicht um Eigentum im engen ökonomischen Sinne, sondern um „Quasi-Eigentum“ oder „Phantombesitz“. Quasi-Eigentum sei vom „eigentlichen, materiellen Eigentum (…) entkoppelt“ und bestehe aus „ideologischen Objekten“ (S. 17). Das könne die Nation, die Kultur und die Familie ebenso sein wie die Meinungsfreiheit oder der Verbrennermotor. Als Feinde werden entsprechend jene identifiziert, die einem etwas von diesem Besitz nehmen wollen: „Globalisten“, Muslime, die „woke“ Linke, Feministinnen usw.

Was genau ist Phantombesitz und wie entsteht er? In der Geschichte des Kapitalismus und Kolonialismus habe sich eine neuartige Form des Eigentums als „absolute Sachherrschaft“ herausgebildet. Dessen Logik sei nicht auf Gegenstände beschränkt geblieben, sondern habe auch die rassistischen und patriarchalen Herrschaftsverhältnisse der Moderne strukturiert, wie man an der (kolonialen) Sklaverei und der Ehe unter Vormundschaft erkennen könne.

Diese rechtlich vermittelten Formen der Herrschaft seien zwar im 19. Jahrhundert weitgehend abgeschafft worden, doch es gäbe ein „Nachleben der Sachherrschaft (…) in Verhaltensmustern und Affekten (…). Die Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche bildet ‚Phantombesitz‘“ (S. 19). Dieser könne auch in einem konservativen Modus gehegt und gesichert werden. Faschistisch werde es erst, wenn der Phantombesitz in der „Logik des Ausnahmezustandes“ als absolut bedroht wahrgenommen werde. Aus politischen Gegnern werden „Plünderer“, die beseitigt werden müssen. Faschismus sei demnach „liquidierende Phantombesitzverteidigung“ (S. 20).

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will …“

Damit ist das Leitmotiv für die folgenden zehn Kapitel etabliert. Einige widmen sich speziellen Aspekten und Erscheinungsformen des neuen Faschismus und sind in einem eher essayistischen Stil verfasst. So untersuchen zwei Kapitel dessen Zeitvorstellungen, die „schlechte Zeitlosigkeit“ (S. 31) im Idealbild einer Normalität, die es wiederherzustellen gelte. Phantombesitzer:innen formulierten einen erneuerten Besitzanspruch an etwas, das angeblich schon einmal (oder schon immer) ihr Eigentum gewesen ist. Verteidigt werde letztlich eine mythologisch „konservierte industrielle Moderne“ (S. 38). Der Blick in die Zukunft sei hingegen apokalyptisch, wie am Beispiel rechtslibertärer Visionen wie Curtis Yarvins „dunkler Aufklärung“ gezeigt wird, die Gesellschaft nach dem Modell von Unternehmen organisieren wollen, um sie für die bevorstehende Endzeit zu sichern. Spätere Kapitel widmen sich gesellschaftlichen Entwicklungen, die dem Faschismus Vorschub leisten, etwa dem Einfluss von Tech-Monopolen und dem Geschäft mit der KI-generierten „Gedankenlosigkeit“. Viele dieser Passagen lassen sich auch unabhängig voneinander als zeitdiagnostische Miniaturen lesen.

Andere Kapitel sind stärker systematisch und theoretisch angelegt. Max Horkheimers Sentenz „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ leitet in drei Kapitel ein, die Kapitalismus, Neoliberalismus und politischen Liberalismus behandeln. Gezeigt werden soll, dass der neue Faschismus nicht einfach die Antithese zum liberal-demokratischen Kapitalismus darstellt, sondern von dessen Widersprüchen hervorgetrieben wird.

Auch in den Populismus-Debatten der letzten Jahre wurde der Kapitalismus nicht beschwiegen. Der Zusammenhang wurde typischerweise auf zwei Arten hergestellt: Die einen sahen den Rechtspopulismus als Gegenbewegung zur neoliberalen Globalisierung und zur „Postdemokratie“ (und tendierten dazu, ihn als lediglich ökonomisch motivierten Protest zu verharmlosen).[2] Die anderen betrachteten ihn als radikalisierte, autoritär gewordene Fortsetzung des Neoliberalismus.[3] Von Redecker ist der zweiten Variante zuzuordnen.

Den Kapitalismus versteht von Redecker nicht als selbstzweckhaften Prozess der Kapitalverwertung auf der Grundlage von Privateigentum an Produktionsmitteln und Ausbeutung, sondern mit Hannah Arendt und Karl Polanyi vornehmlich als Konkurrenz- und Marktgesellschaft, in der die entfesselte Ökonomie das Soziale regiert und zu zerstören droht. Kapitalistische Sachherrschaft greife ihrer eigenen Logik nach immer weiter aus und erstrecke sich nicht nur auf Dinge, sondern auch auf andere Länder und Bevölkerungen. Die koloniale Expansion sei dem Kapitalismus inhärent. Mit Bezug auf Aimé Césaire (und wiederum Arendt) diskutiert von Redecker die „Bumerang-These“, der zufolge der historische Faschismus ein Rückschlag kolonialer Gewalt auf die kolonisierenden Gesellschaften gewesen sei. Zwar sei der Zweck kolonialer Herrschaft ökonomische Aneignung, während der Faschismus die Massen zu einer „als Verteidigung kaschierten Vernichtungspolitik“ mobilisiere, die „schließlich zum Selbstzweck“ werde (S. 81). Diese Unterschiede hindern die Autorin aber nicht daran, den historischen Faschismus einen Absatz später als „nachträglichen Exzess kolonialer Herrschaft“ zu charakterisieren (S. 81 f.).[4]

Den Boden für den heutigen Faschismus habe der Neoliberalismus bereitet, den von Redecker als politisch durchgesetzte Entfesselung des Marktes durch Beseitigung sozialer Schutzvorrichtungen versteht. Der Neoliberalismus habe nicht nur die Ökonomisierung des Sozialen vorangetrieben, die Konkurrenz zwischen den Individuen und die soziale Ungleichheit verschärft, sondern er habe als „verallgemeinerte Schuldenökonomie“ (S. 102) die „Zukunft besitzbar und damit zerstörbar gemacht“ (S. 107). Hinzu kämen ein Gefühl der Unentrinnbarkeit durch die Abhängigkeit von den Tech-Monopolen des digitalen Kapitalismus und zuletzt die frustrierenden Erfahrungen mit dem staatlichen Management der Corona-Pandemie. An all das könne der neue Faschismus mit seinen apokalyptischen Bildern und destruktiven Impulsen anknüpfen.

Vom autoritären zum possessiven Charakter

Der originellste Beitrag des Buches findet sich in den beiden Kapiteln (vgl. S. 170–209), in denen von Redecker zunächst die Theorie des autoritären Charakters diskutiert, diese sozialpsychologisch ausdifferenziert und schließlich mit dem Subjekt als Selbsteigentümer – dem „possessiven Charakter“ – verbindet. Für Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sei der autoritäre Charakter durch „Ich-Schwäche“ gekennzeichnet, einen Ausfall der Reflexion im Subjekt, der einem Ausfall gesellschaftlicher Vermittlung in der Epoche des Monopolkapitalismus und der Kulturindustrie entspricht. In der „pathischen Projektion“ externalisiert das Subjekt verdrängte Ängste und Wünsche und nimmt sie mythisch als Schicksalsmächte und gefährliche Objekte der äußeren Welt wahr, denen es sich entweder unterwirft oder die es unterdrückt, abwertet und bekämpft, im äußersten Fall bis hin zur physischen Auslöschung. Letzteres bezeichnet von Redecker als „höhnische Mimesis“ (S. 177) – die Angleichung an das gefürchtete und gehasste, unbewusst begehrte Objekt.

Die pathische Projektion, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung behandeln, solle speziell den Antisemitismus erklären. Zugleich finde sich in der Kritischen Theorie die Tendenz, die Opfer des Faschismus für austauschbar zu halten. Neben Antisemitismus und Verschwörungsmythen gäbe es im gegenwärtigen Faschismus eine Reihe von anderen Feindbildern („Gender-Ideologie“, „Trans-Lobby“, Muslime, Migranten und einige mehr). Um diese differenzierter erklären zu können, zieht von Redecker die von der Sozialpsychologin Elisabeth Young-Bruehl entwickelte Theorie der „Lustideologien“ heran. Ausgehend von der Psychoanalyse unterscheide Young-Bruehl zwischen obsessiven, hysterischen und narzisstischen Charaktertypen. Rassistische, sexistische und antisemitische Ideologien und Stereotype begreife sie als Abwehrmechanismen, über die das Subjekt seine inneren Konflikte stabilisiert.

Daran anschließend argumentiert von Redecker, dass sich diese Ideologien genauer historisch-gesellschaftlich bestimmen lassen, wenn man sie auf das Subjekt als Eigentümer bezieht. Modernes Eigentum beinhalte das Recht auf Kontrolle und das Recht auf Verfügung, was Nutzung und Veräußerung, aber auch Zerstörung einschließe. Diese Komponenten des Eigentums würden nicht nur die Beziehung des Subjekts zu Objekten und zu anderen Subjekten, sondern fundamental auch das Verhältnis des Subjekts zu sich selbst prägen – und damit auch die Struktur seiner inneren Konflikte.

Zum Recht auf Kontrolle passe der obsessive Typ, der unter dem Druck eines rigiden Über-Ichs nach Ordnung und Reinheit strebe. Er sei besonders anfällig für Antisemitismus und Verschwörungsideen. Die Imagination von Mächten, die in das exklusive Eigene eindringen, um seine Ordnung zu zerstören, sei zugleich eine Projektion eigener Kontroll- und Herrschaftswünsche. Der hysterische Typ, dessen Ich sich nur über besonders starke Verdrängung stabilisiert, neige zu rassistischen Abwehrmechanismen und „Doppelgängerängsten“ (S. 203). Alles drehe sich hier um das Verfügungsrecht über den rassifizierten Anderen, von dem man sich abgrenzen muss, an dem man aber zugleich hängt, weil er verdrängte Es-Strebungen verkörpert. Der narzisstische Typ, der die Außenwelt als Erweiterung seines Selbst betrachtet, habe ein konsumierendes, ausbeuterisches Verhältnis zu Anderen. Er neige zur sexistischen Ideologie, die Frauen als untergeordnete, verfügbare Objekte betrachtet, und entwickele Abneigung und Hass vor allem dann, wenn er auf Widerstand stößt.

Auch wenn von Redecker betont, dass es sich um Idealtypen handelt und rechte Narrative oftmals verschiedene Abwehrmechanismen gleichzeitig bedienen, kann man die Verbindungen, die sie zwischen Eigentumsfunktionen, Charakterstrukturen und Feindbildern zieht, stellenweise konstruiert und schematisch finden. Dennoch ist ihr Versuch, innere Konflikte und Abwehrmechanismen auf die ökonomisch-rechtliche Form des Subjekts zu beziehen, um damit die spezifischen Gehalte von Stereotypen und Ideologien zu erklären, ambitionierter als viele vergleichbare Ansätze und unbedingt weiterer theoretischer Anstrengungen wert.

Dass die Eigentumsform die Subjekte prägt, muss allerdings nicht heißen, dass sie die Welt immer in der ökonomischen Terminologie des Eigentums deuten. Von Redeckers Begriff von „Quasi-Eigentum“ beziehungsweise „Phantombesitz“ ist zwiespältig und schwankt zwischen einer analytischen und einer metaphorischen Verwendungsweise, zwischen Akteurs- und Beobachterperspektive. Will sie sagen, dass rassistische und sexistische Ideologien und Herrschaftsverhältnisse durch die Form des Eigentums mit hervorgebracht werden, oder dass sie (subjektiv, objektiv?) analog zu Eigentumsverhältnissen strukturiert sind? Das Präfix „Quasi-“ legt Letzteres nahe.

Analogien und metaphorische Begriffe können erkenntnisfördernd sein, wenn ihre Grenzen reflektiert werden. Patriarchale Besitzansprüche spielen im (nicht nur rechten) Antifeminismus zweifellos eine zentrale Rolle. Nationale Mythen von „Volk“, „Kultur“ und „Identität“ mit Eigentum zu analogisieren, scheint mir hingegen irreführend zu sein. Eigentum ist der subjektiven Willkür unterworfen, teilbar, berechenbar und veräußerlich. Die Zugehörigkeit zu Volk und Nation ist im autoritären Denken hingegen all das nicht, sondern ein Schicksal, das man willentlich zu bejahen hat. Und sind die rassifizierten Anderen in der faschistischen Sichtweise eine Bedrohung für das Eigentum oder werden sie selbst als Eigentum angesehen (vgl. S. 40)? Die unterschiedlichsten Gegenstände rechter Ideologien werden im Verlauf des Buches als „Phantombesitz“ charakterisiert. Dass auch der Einsatz gegen Antisemitismus damit assoziiert wird, Jüdinnen und Juden zu Phantombesitz zu erklären, und „‚linke Hamas-Versteher‘“ lediglich als durch Anführungszeichen markierte Phantasmen thematisiert werden (vgl. S. 191), zeigt nicht nur, dass die Eigentumsmetaphorik bis zur Beliebigkeit dehnbar ist, sondern auch, dass die Autorin das Ausmaß des linken und islamischen Antisemitismus verkennt.

Das Phantom des Faschismus

In der Gesamtschau stellt sich die Frage, wie von Redeckers Subjekttheorie zu ihrer historisch-gesellschaftstheoretischen Erklärung des Faschismus passt. Die Theorie, dass die (faschistischen) Ideologien aus Abwehrvorgängen des Subjekts hervorgehen, steht in einem Spannungsverhältnis zu der These, die am Anfang des Buches formuliert wird. Zu behaupten, Rassismus und Sexismus seien in vergangenen Herrschaftsverhältnissen entstanden und hätten sich in Affekten und Verhaltensweisen erhalten, obwohl die ehemals Beherrschten rechtlich weitgehend als Gleiche anerkannt sind und kein rechtlicher Herrschaftsanspruch mehr besteht, ist eine andere Erklärung als die Annahme, dass diese Ideologien immer wieder neu entstehen, gerade weil die Menschen sich auch in der Gegenwart als gleiche Eigentümersubjekte konstituieren müssen.

Die erste Erklärung beruht auf einer Geschichtstheorie des „Rückfalls“. Bis ins 19. Jahrhundert wurde im Kapitalismus und Kolonialismus Sachherrschaft auch über Menschen ausgeübt. Im Phantombesitz sei diese zur „Gewohnheit und Neigung“ geworden, weshalb „wir unserer eigenen Befreiung teilweise hinterherhinken“ und aus „selbstverschuldeter Unmündigkeit in die Verdinglichung zurückfallen“ können (S. 91). Bereits der historische Faschismus soll ja ein „nachträgliche(r) Exzess“ (S. 81) des Kolonialismus gewesen sein. Der Faschismus des 21. Jahrhunderts ist dann eine weitere „Neuauflage“ (S. 16). Von Redeckers theoretische Konstruktion folgt der Annahme, dass „der Faschismus (…) sich versteckt über die Zeit erhalten“ (S. 10) kann. Faschismus scheint für die Autorin nicht nur Phantombesitzverteidigung, sondern selbst eine Art Phantom zu sein, ein Wiedergänger, der sein Unheil treibt, verschwindet und immer wieder zurückkehrt.

Indem sie die eigentlichen Ursachen des Faschismus in der kolonial-kapitalistischen Vergangenheit verortet, kommt den gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart (Neoliberalismus, Corona, Digitalisierung usw.) lediglich die Rolle eines „Auslösers“ zu. Damit reproduziert von Redecker auf unterschwellige Weise die Geschichtsphilosophie des Fortschritts, die sie mit Walter Benjamin selbst kritisiert (vgl. S. 73 ff.). Ihre Behandlung des Neoliberalismus kommt nicht ohne eine implizite Verklärung der fordistischen Nachkriegsordnung aus, die zwar soziale Schutzmechanismen und demokratische Rechtsstaatlichkeit etabliert hat, zugleich aber postfaschistische Integration des Subjekts in Staat und Kapital war. Ausgerechnet dieses unmittelbare „Nachleben“ des Faschismus in der Demokratie[5] fällt aus der Betrachtung heraus.

Als Faschismustheorie ist Eva von Redeckers Buch daher nicht überzeugend. Die Rückbindung an das Eigentum löst nicht die gesellschaftstheoretischen und geschichtsphilosophischen Probleme, die mit dem Begriff verbunden sind. Die Autorin scheint das selbst einzugestehen, wenn sie am Ende des Buches überraschend schreibt, dass die Benennung als „Faschismus“ vielleicht doch nicht so entscheidend ist (vgl. S. 235). Unabhängig davon bietet von Redeckers Buch eine ganze Reihe hellsichtiger Beobachtungen zur autoritären Gegenwartstendenz und Elemente einer Subjekt- und Ideologietheorie, an denen man sich gerade aufgrund des metaphorischen Überschusses produktiv abarbeiten kann.

  1. 1 Ein guter Überblick bei Sven Reichardt, Was ist Postfaschismus? https://www.soziopolis.de/was-ist-postfaschismus.html (16.06.2026)
  2. 2 Vgl. etwa Wolfgang Streeck, Die Wiederkehr der Verdrängten als Anfang vom Ende des neoliberalen Kapitalismus, in: Heinrich Geiselberger (Hg.), Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Berlin 2017, S. 253-273, Chantal Mouffe, Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Frankfurt am Main 2017.
  3. 3 Exemplarisch Nancy Fraser, From Progressive Neoliberalism to Trump – and Beyond, in: American Affairs 1(2017), 4, S. 46–64.
  4. 3 Zur Kritik dieser postkolonialen Geschichtsdeutung vgl. Steffen Klävers, Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung, Berlin 2019.
  5. 4 Vgl. Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Ebd., Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt am Main 1963, S. 125–146.

Sonntag, 25. Mai 2025

Männerphantasien

 Klaus Theweleit

"Diese Männer sind nicht zu Ende geboren"

Wir leben in einer undenkbaren Zeit, sagt der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit. Soldatische Körper, leere Sprache, dreiste Lügen: Da entsteht eine neue Wirklichkeit.

Interview: Lenz Jacobsen und Livia Sarai Lergenmüller

Aus: DIE ZEIT, 16. Mai 2025


Sein Buch "Männerphantasien" war ein Ereignis: Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat 1973 als einer der Ersten den Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Gewalt auch psychoanalytisch untersucht und damit den Diskurs bis heute geprägt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat er sich kaum öffentlich geäußert. Jetzt empfängt uns Theweleit in seinem Haus in Freiburg zum Gespräch. Es wird um Trump und Putin gehen, um die Rückkehr der soldatischen Männlichkeit, um Incels – und die Frage, ob man diese Gegenwart überhaupt verstehen kann.

ZEIT ONLINE: Herr Theweleit, wir hätten Sie für dieses Interview gern fotografiert. Sie wollten das nicht. Warum?

Theweleit: Es ist gerade nicht die Zeit für solche Personenunterstreichungen. Vor ein paar Wochen war in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Herfried Münkler, auf dem Foto ist er mit denkerischer Stirn zu sehen. In dem Gespräch trifft er lauter Voraussagen, was man von Putin erwarten kann, von Europa, von Trump. Willkürliche Einschätzungen, von denen die allermeisten wahrscheinlich nie eintreffen. Die Schrecken des Krieges, die fürchterliche Wirklichkeit, die zerfetzten Körper, die zerstörten Leben, die durch den Krieg zerstörten Gesellschaften kommen in dieser kühlen strategischen Rede nicht vor. Es ist so völlig unangemessen. Real ist an dieser Rede nur die maßlose Überschätzung der Eigenbedeutung des Redners. Das gilt genauso für die Fotos und die Äußerungen von Jürgen Habermas in derselben Zeitung ein paar Tage später.

ZEIT ONLINE: Sie stören sich an der Inszenierung und an der Selbstgewissheit?

Theweleit: Absolut. Am gesamten Sprachgestus, nicht nur bei Münkler und Habermas. In einem Zeitungskommentar schrieb ein Journalist neulich, "Putin spielt auf Zeit". Was sind das für irre Wörter? Wie zu einem Fußballspiel. Oder wie aus einem Politikseminar: Wir hören deutsche Politikerinnen, die in jedem Land der Erde verbreitet haben, dass zu Putins Krieg immer das Adjektiv "völkerrechtswidrig" gehört. Das ist das Bodenloseste überhaupt: Das Völkerrecht ist Gerede. Daran können sich Leute halten, die einmal der Menschenrechtscharta zugestimmt haben, die anderen aber interessiert das null, Putin, Trump oder Netanjahu. Die politischen Reden geschehen mit großer Selbstverständlichkeit im Irrealen. Und die sogenannten Experten reden ihnen hinterher, als hätten ihre Stimmen Weltbedeutung.

Klaus Theweleit: "Diese Männer sind nicht zu Ende geboren"

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ZEIT ONLINE: Wie ginge es anders, wie könnten wir anders über die Welt reden?

Theweleit: In Claude Lanzmanns Filmen zur Schoah kommt der polnische Offizier Jan Karski vor. Dem war es während des Zweiten Weltkriegs gelungen, sich in eines der Vernichtungslager der Nazis in Polen einzuschleusen. Er sah, was die Nazis dort anrichteten, und berichtete an die polnische Exilregierung in London. 1943 bekam er Audienzen, auch bei Franklin D. Roosevelt in Washington. Roosevelt leitete ihn weiter an einen seiner Berater, Felix Frankfurter, einen der obersten Richter der USA, einen in Wien geborenen Juden. Als Karski fertig war mit seinem Bericht aus den Vernichtungslagern, stand der Richter auf und sagte: "Junger Mann, ich glaube Ihnen nicht." Denn: Er kenne die Menschheit, das menschliche Gehirn. Er sage nicht, dass Karski lüge, "ich sage, dass ich ihm nicht glaube". Als Karski Jahrzehnte später im Film Lanzmann davon erzählt, fügt er dem hinzu, wie zur Entschuldigung Frankfurters, dass er es selbst immer noch nicht glaube, obwohl er es gesehen habe. Niemand auf der ganzen Welt habe das glauben können.  

ZEIT ONLINE: Wir kommen nicht ganz mit. Warum erzählen Sie uns diese Geschichte?

Theweleit: Wegen des Schlusses, den Claude Lanzmann mit Karskis Hilfe daraus gezogen hat. Die Reaktion des Richters Frankfurter ist ihnen der Beleg dafür, dass es den Nazis tatsächlich gelungen war, jenen "neuen Typ Mensch" zu schaffen, von dem sie dauernd redeten. Mit den Nazis sei ein neues Denken und Handeln in die Welt gekommen, das man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Es war zu unfasslich. Es legte das Handeln lahm und ließ das eigene Hirn daran zweifeln, was die Augen gesehen hatten. Mir scheint im Moment in der Welt etwas Ähnliches zu passieren. Was Trump und Putin und andere Potentaten tun, wie die reden – ich zum Beispiel habe das nicht für möglich gehalten.

“Daraus folgt, dass wir nicht so tun sollten, als könnten wir das alles, was um uns herum abläuft, verstehen und erklären wie den Lauf von Billardkugeln.”

ZEIT ONLINE: Und was folgt daraus?

Theweleit: Daraus folgt, dass wir nicht so tun sollten, als könnten wir das alles, was um uns herum abläuft, verstehen und erklären wie den Lauf von Billardkugeln. Ich habe am Abend vor Putins Überfall auf die Ukraine in einer Diskussion in einem Buchladen hier in Freiburg gesagt: Das macht er nicht, das ist ausgeschlossen. Und morgens um sieben sagt mir meine Frau, ich solle Radio hören. An meiner Einschätzung stimmte nichts. Das sagt doch etwas aus über die Mängel der eigenen Wahrnehmung.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich deshalb seitdem drei Jahre lang kaum öffentlich geäußert. Jetzt aber geben Sie uns dieses Interview. Warum?

Theweleit: Ich möchte zumindest die Frage stellen, ob sich mit der Spezies Mensch nicht gerade wieder etwas vollzieht, wie in der Geschichte von Karski, das unsere Auffassungsmöglichkeit übersteigt. Und ob die floskelhafte und bescheidwisserische Sprache, in der öffentlich gesprochen wird, uns nicht eher im Weg steht. Politiker und andere tun so, als wüssten sie, wovon sie reden. Sie wissen es meist nicht.

ZEIT ONLINE: Wir haben eigentlich den Eindruck, dass das, was Sie vor fast 50 Jahren in Ihrem Buch Männerphantasien geschrieben haben, auch verstehen hilft, was heute passiert. Besonders das erneute Auftrumpfen einer bestimmten Form von gewalttätiger Männlichkeit. Wir haben Ihnen ein Bild mitgebracht, das Elon Musk gepostet hat.

Das erinnert uns sehr an die "Panzermenschen", die Sie in Männerphantasien gezeigt und beschrieben haben.


Theweleit: Ja, das ist sehr ähnlich. Ohne massive Gewaltanwendung könne man auch nicht friedlich sein, sagt Mr. Musk. So wie der Körpertyp, um den es hier geht, immer behauptet, aus Notwehr zu handeln – weil der Rest der Welt ihm den Platz zum Leben nimmt und seine Körperlichkeit zu zerstören droht. Sein Körper droht ständig zu fragmentieren. Wogegen er sich zu panzern versucht. Seine Daseinsweise ist Gewalt.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit fragmentierendem Körper?

Theweleit: Diese Männer sind, wie ich das nenne, "nicht zu Ende geboren".

"Das ist das angstbesetzte Männlichkeitsprinzip"

ZEIT ONLINE: Wir Menschen kommen alle unfertig auf die Welt.

Theweleit: Aber wie man sich dann entwickelt, ist bei jedem verschieden. Ein Babykörper, der freundlich behandelt wird, entwickelt das, was die Psychoanalyse die libidinöse Besetzung der Haut nennt, der eigenen Außengrenze; durch Berührung, durchs Gehaltenwerden, durchs Füttern. Diese Erfahrungen ermöglichen es kleinen Kindern, sich aus der Symbiose mit der Mutter herauszuentwickeln. Das Kind lernt, sich als ein von der Umwelt und anderen Menschen unterschiedliches Selbst wahrzunehmen. Es entwickelt ein Gefühl für die eigenen Grenzen. Es wird ein Ich. Wenn man geprügelt wird, kaltgelassen, nicht regelmäßig gefüttert oder anders abgelehnt wird, gelingt das nicht.

ZEIT ONLINE: Was passiert dann?

Theweleit: Dann flüchtet man vor diesen intensiven und negativen Reizen nach Innen. Der Körper füllt sich mit Ängsten, die nicht nach außen abführbar sind. Das ist das angstbesetzte Männlichkeitsprinzip, das ich beschrieben habe. Deshalb versuchen sich diese Männer, einen Panzer zu bauen, und deshalb sprechen diese Männer immer in Notwehr. Ihr Hauptmittel der "Kommunikation" wird Gewalt. Die Selbstpanzerung ersetzt ihr Ich.

ZEIT ONLINE: Auch bei Politikern.

Theweleit: Hitler redete nur in behaupteter Notwehr. Die ganzen Dreißigerjahre hindurch sagte er, Deutschland sei zerschnitten worden. Elsass-Lothringen, Saarland und Nordschleswig weg, Oberschlesien weg und polnischer Korridor. Das sollte alles wieder dran sein, eine Körperganzheit werden. Die Nazis haben ihre Deutschlandkarten mit dicken Rändern gezeichnet: Deutschland ausgeschnitten aus der Welt. Dann fügten sie einen Teil nach dem anderen wieder an: Saarland, Nordschleswig, polnischer Korridor, Oberschlesien, Münchner Abkommen. Und als er so weit war, griff Hitler Polen an. "Make Germany Great Again" war das Programm. Mit Österreich dran war der Körper dann komplett, "heil". Was Trump jetzt erzählt, mit der Bay of America, Grönland, Gaza oder Panama, ist etwas sehr Ähnliches.

“Männer weltweit sind nach wie vor eine Spezies, die Leute hervorbringt, die Lust am Töten haben.”

ZEIT ONLINE: Sie skizzieren in Männerphantasien das, was Sie "soldatische Männlichkeit" nennen. Beobachten Sie seit dem Überfall Putins auf die Ukraine und der Aufrüstung in Europa eine Rückkehr dieser Form von Männlichkeit?

Theweleit: Natürlich, das ist leicht zu sehen und läuft schon seit spätestens dem jugoslawischen Zerfallskrieg in den 1990er-Jahren. An den Befunden ist nicht viel zu ändern: Die Töter töten, die Vergewaltigungen geschehen, Opfer sind überwiegend Zivilisten. Die Zahl der Femizide steigt. Männer weltweit sind nach wie vor eine Spezies, die Leute hervorbringt, die Lust am Töten haben. Auch der Terror der Hamas fügt dem nichts hinzu, was wir nicht schon an anderer Stelle gesehen hätten. Wer all dies kennen will, kennt das. Wechselnd ist die Intensität, mit der der Horror abläuft in den verschiedenen Weltteilen. Über Krieg habe ich dabei nie geschrieben. Sondern über Gewalt von bestimmten Männern. Über die Lust an der Gewalt und die Lust am Töten. Die ist nicht an den Krieg gebunden.

ZEIT ONLINE: Was macht diese Lust aus, warum ist gerade das Militär so attraktiv für die Sorte gewalttätiger Männer, die Sie beschreiben?

Theweleit: Vielen dieser Männer mit den angsterfüllten Körpern hilft das Militär. Sie genossen und genießen seine Zwangsstruktur. In Deutschland bis 1945 galt das Militär als Stätte männlicher Neugeburt. Es half, aus der als negativ empfundenen Verbindung mit dem Prinzip Weiblichkeit herauszukommen. Der Typ, der sich panzert, wandelt die körperlichen Symbiosen in Hierarchien um. Das ist der Grundprozess des sogenannten faschistischen Handelns. Alles, was mal symbiotisch war, alles was in Beziehungen wurzelte, wird in ein abgestuftes, hierarchisches Gesellschaftsprinzip umgewandelt. Das geht, wie wir jetzt lernen, auch ohne Militär.

“Wir haben es aber zu tun mit Menschen, die sozusagen körperlich antidemokratisch sind.”

ZEIT ONLINE: Die klaren Hierarchien ersparen mühsame Beziehungsarbeit.

Theweleit: Die ja eine Arbeit unter Gleichen sein sollte. Wir haben es aber zu tun mit Menschen, die sozusagen körperlich antidemokratisch sind. So viel kann man sagen. Sie bauen zwanghaft ihr Leben lang an der Unverletzlichkeit ihrer Körpergrenzen. Ihr Panzer wird brüchig, sobald komplizierte Situationen an den Körper herankommen. Dazu gehören Forderungen von Frauen, dazu gehört auch die Erotik. Jede differenzierte Wirklichkeit bedroht sie sofort, alles um sie herum soll genau so funktionieren, wie sie sich das zwanghaft vorstellen. Deshalb kommt dann bei den Incels raus: Keine Frau genügt meinen Ansprüchen.

ZEIT ONLINE: Ausgangspunkt ihrer Analyse in Männerphantasien waren die Aufzeichnungen von Freikorpskämpfern in den 1910er- und 1920er-Jahren. Das ist nun hundert Jahre her. Seitdem hat sich doch einiges verändert, Jungs werden anders erzogen, einfühlsamer, liebevoller.

Theweleit: Natürlich, da hat sich ungeheuer viel verändert! Mein Vater sagte noch: Wer seine Kinder liebt, züchtigt sie. Das stehe in der Bibel. Das war der einzige Satz, den er je aus der Bibel zitierte. Meine Generation musste aber nicht mehr zum Militär. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren haben wir als Jugendliche einen spezifischen Blick entwickelt. In der Stadt flanierend, von Flipperhalle zu Flipperhalle, sagten wir: "Sieh mal den da drüben. In welchem KZ der wohl Wächter war." Das war unser Blick auf "die Alten". Dann kamen in den Sechzigern und Siebzigern politisch der Antikolonialismus dazu, der Feminismus und die Ökos. Durch all das ist der Giftpegel, wie ich das nenne, bei uns deutlich gesunken.

ZEIT ONLINE: Aber jetzt steigt er wieder.

Theweleit: Ja, jetzt steigt der Giftpegel wieder.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

"Rechts aus Verlassenheit"

Theweleit: Erklären wäre zu viel gesagt. Aber es könnte die Reaktion auf ein Vakuum sein. Es passiert ja nicht zum ersten Mal. Thomas Heise hat in den Neunzigern den Dokumentarfilm Stau gemacht, über rechte Jugendliche in der Ex-DDR, in Halle-Neustadt. Die liefen durch die Straßen und grölten rassistische Parolen. Viele waren Kinder alleinerziehender Mütter, die mit der sogenannten Wende die Strukturen verloren, die sie sich in der DDR aufgebaut hatten. Diese Jungen kamen nicht aus dem Militär, hatten nicht die prügelnden Väter erlebt wie die Freikorpsleute. Einige waren arbeitslos, mit 16, suchten eine Stelle, bestanden eine Prüfung nicht, flogen raus, hatten nichts. Vorher gab es in der FDJ immer jemanden, den sie ansprechen konnten, sagt einer. Dieses Gerüst fiel weg. Manche waren aus Überzeugung rechts, andere aber waren rechts aus Verlassenheit, weil sie in einem Vakuum waren.

ZEIT ONLINE: Und dieses Vakuum füllten dann Neonazis.

Theweleit: Westdeutsche Neonazirechte, die sich um die Jugendlichen kümmerten. Während der "liberale Westen" ihre Jugendzentren dichtmachte. Diese Jugendlichen sind heute im guten AfD-Alter.

ZEIT ONLINE: Auf welches Vakuum ist dann der jetzige maskuline Backlash eine Reaktion?

Theweleit: Das Vakuum ist an verschiedenen Stellen der Welt und zu verschiedenen Zeiten ein anderes. Wir sollten nicht glauben, wir könnten alles mit einer Sache erklären. Im neuen Nachwort der Männerphantasien habe ich Untersuchungen von Shereen El Feki an arabischen jungen Männern aus Ägypten, dem Libanon, Marokko und Palästina zitiert, die sich regelrecht "entmannt" fühlen, wenn sie keinen Job haben. Sie sollen ihre Familie ernähren, können es aber nicht. Sie fühlen sich im Geschlechtsteil bedroht, sprechen tatsächlich von Kastration. Das ist in unserer Kultur nicht ganz so krass.

ZEIT ONLINE: Auch in westlichen Ländern ist das männliche Versorgermodell auf dem Rückzug, alte Industriejobs gehen verloren, Jungs schwächeln in der Schule. Das sind ja reale Erfahrungen. Bei der Bundestagswahl war die AfD bei Männern zwischen 35 und 44 Jahren die stärkste Partei.

Theweleit: Ja, aber ich vermute mittlerweile, man kann von der Struktur der laufenden Entwicklungen am ehesten etwas wahrnehmen, wenn man auf das große Wort "verstehen" verzichtet. Das Eingeständnis, dass wir es mit etwas Ungewohntem zu tun haben, womöglich mit einer neuen Art Wirklichkeitsauffassung, wäre angemessener.

ZEIT ONLINE: Neue Art der Wirklichkeitsauffassung – was meinen Sie damit?

Theweleit: Ich habe die angstbesetzte, gewalttätige Männlichkeit beschrieben. Denken Sie an den Attentäter von Halle: Als es ihm nicht gelingt, die Tür zur Synagoge aufzubrechen, beschimpft er sich selbst als Flasche, die wieder mal alles verkackt hat. Dabei filmt er sich. Aber das, was jetzt passiert, was Trump, Putin oder auch Le Pen oder Weidel machen, das hat eine Seite, die angstfrei scheint. Eine neue Sorte auftrumpfender Überlegenheit. Das zieht Leute an. Sie lügen und betrügen völlig unverblümt, sie verdrehen alles, wie es ihnen passt, und sie sind sicher, dass ihre Anhänger genau das wollen. Es ist ein Sprung in eine neue Art des Umgangs mit der Wirklichkeit.

“Man hört sie immer dasselbe sagen, als seien wir alle schwer von Begriff.”

ZEIT ONLINE: Für die Ihnen aber noch das Instrumentarium fehlt, die Sprache?

Theweleit: Ja, die Sprache, die ich allenthalben höre, fasst es nicht. Das ist wie bei den Quantenphysikern, die keine Worte mehr finden für die Fähigkeiten der neuen Computergenerationen, die sie erfinden. Gottfried Benn schrieb, unsere Sprache sei hinter der tatsächlichen Entwicklung der Menschheit weit zurück. Auch deshalb wirkt das Gerede von Politikern heute so formelhaft. Man hört sie immer dasselbe sagen, als seien wir alle schwer von Begriff. Diese Sprache ist auch eine Art Panzer, der vor dem schützt, was schon real ist, aber was man nicht beschreiben kann oder will. Ich bin allerdings in der glücklicheren Lage, mich nicht äußern zu müssen. Diese Freiheit haben die Politprofis nicht.

ZEIT ONLINE: Das Spektakuläre an den Männerphantasien war, dass es Ihnen gelang, mithilfe der Psychoanalyse eine neue Sprache für männliche Gewalt zu finden. Was ist in der jetzigen Phase psychoanalytisch das Neue, was gibt es hinter den Ideologien zu entdecken?

Theweleit: Es gibt Neues zu entdecken, wenn man die Elektronik miteinbezieht. Eine riesige Masse von Leuten, die vorher im Dunkel saßen, können sich heute übers Netz verbinden und für jede Scheiße, die sie schreiben, Millionen Klicks und eine imaginäre Macht kriegen, die sich politisch in Wirklichkeiten umsetzen lässt. Auch die Strategie Flood the zone with shit geht nur dank der Elektronik. Man darf über jeden irgendeinen Blödsinn verbreiten, vollkommen egal, ob das stimmt, und kommt damit durch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Theweleit: Weil zum Beispiel die Fernsehmoderatoren völlig hilflos damit umgehen. Die glauben noch, wir könnten mit solchen Leuten argumentieren. Jedes Mal wieder reden sie auf die ein und rechnen denen vor: Das stimmt doch nicht, was Sie sagen, Frau Weidel. Aber man kann doch nicht mit Leuten argumentieren, die erstens wissen, dass es nicht stimmt, was sie erzählen, und die zweitens triumphieren, dass sie damit durchkommen. Sie wissen, dass ihre Anhänger das, was andere "Argumente" nennen, lächerlich finden.

“Man kommt nicht umhin, heute das Elektronische als Körperteil wahrzunehmen.”

ZEIT ONLINE: Wie kommt es zu diesem neuen Denken und was haben die elektronischen Medien damit zu tun?

Theweleit: Man kommt nicht umhin, heute das Elektronische als Körperteil wahrzunehmen. So wie in den Jahrhunderten zuvor das Maschinelle zum Teil unserer Körperlichkeit wurde. Die Elektronik verändert früh die Gehirne, verschaltet die Synapsen anders. Das kann man mittlerweile neurologisch nachweisen. Ich bin nicht etwa gegen Elektronik, im Gegenteil. Die Bekämpfung des Klimawandels geht nur unter Anwendung neuester Technologien. Aber meiner Frau, mit ihrem Blick als Psychoanalytikerin auch für Kinder, fallen dauernd Kinder auf, die schon im Kinderwagen einen Monitor in der Hand haben. Angeschoben von Eltern, die am Handy hängen. Auch da entsteht so etwas wie ein Beziehungsvakuum.

"Das geht nur mithilfe von Frauen"

ZEIT ONLINE: Junge Männer scheinen auch davon besonders betroffen, sie orientieren sich im Digitalen teils an Vorbildern, die man heute toxisch nennt. Für sie bräuchte es doch ein Angebot, eine attraktive Männlichkeit, in die sie hineinwachsen können, die weder gewalttätig ist, noch einfach nur in der Übernahme weiblich konnotierter Eigenschaften besteht.

Theweleit: Man muss dafür keine feminisierten Rollen annehmen. Wieso sollte das Kümmern um Kinder nur eine weiblich konnotierte Eigenschaft sein? Meine Frau und ich haben uns die Kinderbetreuung geteilt, beide mit Halbtagsjob, sie als Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ich als Halbtagsschriftsteller. Das war gut machbar. Es ist nur schlecht für die Rente, sonst war das prima. Zur männlichen Selbstverpflichtung gehört es in meinen Augen, die in den eigenen Körper eingegangenen Gewaltformen zu bemerken und sich davon zu entfernen, sie abzubauen – so etwas wie die zivilisierende Aufgabe für Männlichkeit heute. Das geht nur mithilfe von Frauen.

ZEIT ONLINE: Das ist auch ihre persönliche Erfahrung?

Theweleit: Ich war als Junge ein ziemlich cholerischer Typ und habe mich dauernd geprügelt. Fußball half schon mal, aber wenn ich ein einigermaßen aushaltbarer Mensch geworden sein sollte, geht das überwiegend auf Frauen zurück.

“Das einzelne Subjekt aber gibt es nicht, das ist eine historische Schimäre.”

ZEIT ONLINE: Aus eigener Kraft kann der Mann es nicht schaffen.

Theweleit: Man sollte immer davon ausgehen, dass ein Mensch nicht alleine existiert. Die Zahl eins wäre zu streichen. Philosophen und Historiker gehen immer von der Zahl eins aus: Das Hirn denkt, das Subjekt agiert. Das einzelne Subjekt aber gibt es nicht, das ist eine historische Schimäre. Das Subjekt beginnt zwischen Zweien; dann Dreien, Vieren – die Konstellation ist erweiterbar. 

ZEIT ONLINE: Sie meinen, man steht immer in Beziehung zu anderen.

Theweleit: Ja, und wenn man diese Beziehungen abschneidet, wie es bei den bekannten Attentätern gut belegt ist, endet das in Gewalt. Menschen können sich überhaupt nur durch Beziehungen verändern und entwickeln. Man selbst bildet sich ja alles Mögliche über die eigene Struktur ein, das bedeutet aber nichts.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Politik? Gibt es beispielsweise einen Umgang mit der Bedrohung durch Russland, mit der Möglichkeit eines Krieges, der nicht in die alten Muster soldatischer Männlichkeit zurückfällt?  

Theweleit: Das Erste wäre, zu begreifen, dass die eigene Redeposition keine Machtposition ist. Das, was wir ins Private oder ins Literaturhaus hineinreden, kümmert sonst ja keinen Menschen. Das halten die meisten Leute schon nicht aus. Sie wollen, dass das, was sie sagen, bedeutungsvoll ist. Darin steckt der Anspruch einer Machtausübung, der leicht dazu führt, dass alles, was diese Machtausübung stört, unterdrückt wird; zum Beispiel andere Positionen oder die leidigen, sogenannten Widersprüche, die als störend empfunden werden und verschwinden sollen.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die ganze performative Kriegsdiensterklärung, Promis, die sagen: "Ich würde kämpfen!"

Theweleit: Furchtbar! Ebenso wie diese Männer und auch Frauen, die aus ihren Talkshowsesseln heraus Waffen und Bomben fordern. So zu sprechen, finde ich, um es freundlich zu sagen, gedankenlos. Wenn man mal mit dem Nachdenken anfinge, würde man feststellen, wie tief man in den sogenannten Widersprüchen feststeckt. Ich kann sagen: Ich bin absolut gegen den Krieg. Was Putin tut, wird an dieser Haltung nichts ändern. Trotzdem hat die Ukraine natürlich das Recht, sich zu wehren. Und sie brauchen Waffen dafür, irgendwer muss ihnen die geben. Das widerstrebt vollkommen dem, was ich als absoluter Kriegsgegner denke. Ich gehe aber deshalb nicht auf die Straße und halte Transparente hoch mit der Aufschrift "Keine Waffen für die Ukraine". Passiver Widerstand zum Beispiel wurde nicht einmal erwogen. Solche Gemengelagen sind voller Widersprüche, sie sind nicht mit irgendeiner Logik auflösbar.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch jenseits des Ukrainekriegs?

Theweleit: Ja. Die Hamas will Israel auslöschen, Netanjahu die Hamas. Das heißt, diese Lage ist ein unlösbares Problem. Das dauerpräsente Allmachtsgerede, das auch dazu beinahe alle Medien durchzieht, das so tut, als hätte es Lösungen, löst nichts.

ZEIT ONLINE: Wie hält man das aus?

Theweleit: Nicht irre zu werden an der "Konstruktion Mensch" ist schon eine ziemliche Kunst. Man kann von der Psychoanalyse unter anderem lernen, sich mit der eigenen tatsächlichen Ohnmacht vertraut zu machen. Denken wir noch mal an die Geschichte von Karski. Hitler und Eichmann waren nicht zu stoppen, schlossen Karski und Lanzmann, da kein real existierender Mensch es glauben konnte, was die betreiben. An solche Verschiebungen im Realen kommt man nicht heran, indem man einer Partei beitritt oder sowas. Das funktioniert alles nicht. Es geht nur über die Art des Zusammenlebens. Das ist meiner Meinung nach ein wirklicher, für die einzelnen Menschen gangbarer Weg. Es gibt doch genug Vernünftiges und Hilfreiches, was man im Alltag tun kann, in aufmerksamen Lebensabläufen, und in dem, was man schreibt und sagt. Ich muss mir dabei nicht einbilden, ich könnte einen Putin oder einen Trump bekehren. Die können mich mal. Oder nein: besser nicht zu nah ranlassen.



Mittwoch, 12. Februar 2025

Broligarchie USA

A.L. Kennedy

Musk, Trump und die Broligarchen in den USA. Was tun gegen Junkie-Sadisten?

Süddeutsche Zeitung 10. Februar 2025

Bayard Rustin, ein schwarzer Quäker-Aktivist aus Philadelphia, schrieb einmal: „Wir sind alle eins. Und wenn uns das nicht bewusst ist, werden wir es auf die harte Tour lernen.“ Mittlerweile sind in unserer bequemen demokratischen Welt so viele hinters Licht geführt worden, dass wir es nun alle auf die harte Tour lernen. Mein Heimatland Großbritannien schlittert in höfliche Repression und Kollaps. Und hier in Amerika ist mein Leben seltsam ruhig, während zugleich die Demokratie brennt.

Ich erlebe hier wunderbare Dinners – manchmal mit Menschen, die sich in Zeiten sozialer Mobilität finanzielle Stabilität, zum Teil sogar erheblichen Wohlstand erarbeitet haben. Sie sind gebildet, kultiviert, sie spenden Geld für gute Zwecke. Einige haben wirklichen Einfluss. Sie sind vernünftig und sprechen vernünftig mit anderen. Sie sind es gewohnt, als Individuen behandelt zu werden, nicht als Klischees oder als Repräsentanten bestimmter Gruppen. Ebenso wie den traditionellen Printmedien, die sie lesen, macht ihnen das neue Regime Sorgen. Sie sprechen von den Absurditäten des Präsidenten, als seien diese Absurditäten ausgeklügelte Strategien im Geiste Nixons, und sie sagen: Dieses und jenes Gesetz wird womöglich gerade gebrochen. Sie versuchen immer noch, das Chaos zu verstehen und es mit Cleverness zu besiegen.

Sie wirken wie Träumer, die auf einer hohen, hohen Mauer tanzen, während Verrückte unten die Backsteine weghämmern.

In Wirklichkeit erleben wir gerade natürlich einen Staatsstreich, der sehr schnell vonstattengeht. Der Widerstand dagegen kommt nicht aus der politischen Mitte, dem Establishment. Stattdessen hat sich eine ungewöhnliche Allianz gebildet. Sie besteht aus Neuen Medien, Aktivisten, Nationalpark-Angestellten, Quäkern und Minderheiten, die sich einer existenziellen Bedrohung gegenübersehen, Menschen, die jetzt schon viel verloren haben und wissen, dass sie noch mehr verlieren werden. Es sind meist die Glücklosen, die sich auflehnen. Wie meine Freundin, die jetzt immer ihren amerikanischen Pass mitnimmt, wenn sie einkaufen geht, weil ihr gesagt wurde, dass sie „wie ein Hispanic“ aussehe. Sie hat Angst, dass sie verhaftet und in einem Lager interniert wird. Dies ist keine Zeit zum Träumen.

Trump hatte Glück. Aber er hat aus diesem Glück nichts Gutes gemacht

Der MAGA-Feldzug gibt vor, Amerika gegen Amerika zu repräsentieren. In Wirklichkeit erleben wir eine Schlacht, in der eine bizarre Clique von Megareichen ohne jede staatsbürgerliche Loyalität versucht, unsere Spezies auf außerordentlich dumme Weise zu unterjochen und umzugestalten. Ihr Projekt wird am Ende in die Luft gehen, aber das Elend und der Tod bis dahin sind unverzeihlich. Genau genommen ist es ein Konflikt zwischen Menschen, die Glück haben, und solchen, die keines haben. Trump, der Teflon-Betrüger, der zufällig ein Vermögen geerbt hat, ist ständig ängstlich darum bemüht, zu beweisen, dass er etwas wert ist, während er Wertloses tut und repräsentiert. Er hatte Glück, und er hat aus seinem Glück nichts Gutes gemacht. Noch mehr Glück hat der Eugenik- und Ketamin- und „Römischer Gruß“-Fan Elon Musk. Er ist besessen von jener Meritokratie, die er selbst dank seines ererbten Reichtums spielend umgehen konnte. Die Architekten von MAGA-World sind so sehr vom Glück verwöhnt worden, dass sie nie ein Verständnis für die Konsequenzen ihres Handelns entwickelt haben. Sie betrachten die Realität als optional, veränderbar, immer wieder auch als persönliche Beleidigung.

Meine Förderer hier in den USA, meine Bekanntschaften aus dem Journalisten-Establishment – auch sie sind Glückskinder. Der Silver Surfer mit den ethnisch gemischten Enkeln, die fast genauso behandelt werden wie alle anderen, weil sie auf einer „guten“ Schule sind – Glückskinder. Sie arbeiten hart und menschenfreundlich auf Basis dieses Glücks. Sie stammen aus glücklichen und stabilen Familien. Sie kennen die üblichen Herausforderungen des Lebens. Aber die Logik der Tyrannen, der bösartigen Narzissten, die zerstören um des Zerstörens willen, die Bosheit der Raubtiere, die nach Schönheit suchen, um sie zu ruinieren, das alles verwirrt sie. Sie wissen nicht, wie es ist, beim Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels zusammenzuzucken, weil der Mensch, der sie missbraucht hat, gerade wieder ihr Haus betreten hat und erneut ihre Sicherheit, ihre körperliche und geistige Unversehrtheit bedroht.

Sie mussten nie denken: „Diesmal sterbe ich vielleicht.“

Ich wuchs in der Annahme auf, eine Kindheit, in der man betet, dass die eigene Mutter überlebt, sei normal. Danach lebte ich in einer Beziehung voller körperlicher Risiken, von denen ich immer noch annahm, sie seien normal. Menschen, die einen missbrauchen, schlagen nicht immer einfach zu. Oft bereitet es ihnen mehr Vergnügen, ihr Opfer zum Komplizen ihrer Untaten zu machen, und es sogar dazu zu bringen, sie zu vermissen, es zu bitten, zu ihm zurückzukehren. Es ist leicht, auf diese Art und Weise das einzige Mitglied eines finsteren, intimen Kults zu werden.

Wir, die Glücklosen, die so etwas überlebt haben, erkannten die wahre Natur des orangefarbenen Mannes in der Sekunde, in der wir ihn sahen. Wir kannten die MAGA-Tricks schon lange. Wir brauchten keinen zusätzlichen Hinweis eines für antisemitische Ausfälle bekannten Schauspielers wie Mel Gibson, der kurz nach der Wiederwahl eines verurteilten Vergewaltigers diesen mit den Worten feierte: „Es ist, als wäre Daddy zurück – und jetzt nimmt er seinen Gürtel ab.“ Amerika wird derzeit darauf trainiert zusammenzuzucken, wenn es Daddys Schlüssel im Schloss hört. Jeden Morgen wartet er mit seinen Drohungen und Schlägen, die von den willfährigen Medien in Millionen Haushalten verbreitet werden.

Sie fordern die Unterdrückung dessen, was „weiblich“, anders, unkonventionell ist. Sie wollen das Ende der Liebe

Meine eigenen Missbrauchserfahrungen habe ich mit heterosexuellen Männern gemacht. Missbrauchen können Angehörige jedes Geschlechts und jeder Orientierung. Bei MAGA geht es jedoch vor allem um straight white daddies – „starke“ Männer, deren Liebessprache der Schmerz ist. Eine Weile war diese Haltung nicht mehr so präsent, die alten Vorurteile und Abneigungen wurden anders kanalisiert. Jetzt zeigt sich diese Haltung wieder offen, weil das Umfeld es erlaubt, und sie fordert Geld, Loyalität und Grausamkeit von uns.

Die immer laut formulierten Pseudolösungen der extremen Rechten sind darauf ausgelegt, von möglichst vielen gehört zu werden. Sie fordern die Unterdrückung und letztlich die vollständige Beseitigung dessen, was angeblich „weiblich“, anders, fremd, unkonventionell, flexibel, kreativ, grenzüberschreitend ist. Sie wollen das Ende der Liebe. Das ist beängstigend, aber wir Unglücklichen wissen, dass unsere Gegner das am heftigsten angreifen, was sie am meisten fürchten. Vielleicht besteht doch noch die Möglichkeit, das „Weibliche“, das Ungewöhnliche, das Kreative, das Unklassifizierbare, das Freudige, das Liebevolle zu umarmen, zu verstärken und zu verkörpern, so sehr wir nur können.

Vielleicht können wir unsere Medien zurückgewinnen und sie nutzen, um prosoziales Verhalten zu fördern. Vielleicht gelingt es uns, die Plattformen und Einnahmequellen der Tech-Bros zu untergraben, bevor sie Amerika einfach ausplündern, um ihre eigenen Verluste auszugleichen.

Ich weiß, dass es schwer ist, sich auf Widerstand zu konzentrieren, wenn man von derartig viel Lärm umgeben ist. Der Faschismus liebt Chaos. Auch dieser Artikel hier könnte zu einer Liste der wilden, zerstörerischen Dinge mutieren, die der Präsident heute schon wieder gesagt, getwittert und getan hat. Gefolgt von einer Liste derjenigen, die neuerdings zu den Glücklosen gehören. Gefolgt von einer Liste weitreichender und koordinierter Angriffe auf die Kernfunktionen der Demokratie und auf jegliche Manifestation von Mitmenschlichkeit. Es ist leicht für Freunde der Demokratie – Glückskinder wie Glücklose –, ihre Stimmen in diesem Sturm zu verlieren. Der Führer der unfreien Welt rülpst jeden Tag monströse Soundbites aus, um den Nachrichtenstrom zu beherrschen und die Schmerztoleranz der Nation neu zu kalibrieren. Im Moment ist er ein Facebook-Empörungsalgorithmus in (gerade noch) menschlicher Form. In der Zwischenzeit fackelt Musk alles ab, von der Bildung über die Seuchenbekämpfung bis hin zur nationalen Sicherheit, unterstützt von einem knabenhaften Mob von Incels, die minimale Lebenserfahrung mit amoralischer Rücksichtslosigkeit kombinieren. Es ist ein Angriff auf vielen Ebenen. Aber das kennen die Glücklosen schon.

Konzentrieren wir uns also auf die Wahrheit. Die Versprechen des Faschismus sind immer vergiftet, ansteckend, absurd. Sie können nicht in Frieden gedeihen, wollen nie genau untersucht werden. Schon deshalb müssen wir Frieden schaffen –  mental, spirituell, physisch –, wir müssen Frieden schaffen, wo immer es geht. Wir verstärken Kreativität, Fluidität, gegenseitige Unterstützung. Warum hasst die extreme Rechte die Natur, die Kunst, die Schönheit? Weil Stärke, Klarheit, Einheit und Fantasie für sie im selben Maße eine Bedrohung darstellen, wie sie uns helfen. Warum versucht sie, die Geschichte auszulöschen? Weil diejenigen, die planen, die schlimmsten Fehler der Geschichte zu wiederholen, nicht wollen, dass wir vorhersehen, wie viele Menschen dabei umkommen werden. Für die Mitglieder des Nouveau Reich ist Männlichkeit das A und O, aber eben eine extrem dünnhäutige, paranoide, sadistische und streitlustig ignorante Männlichkeit. (Im Fall von Elon Musk gehört auch noch missglückte Schönheitschirurgie dazu.) Frauen sind Zielscheiben, Trophäen, Opfer. Aber die Realität und die medizinische Wissenschaft widersprechen dem immer wieder. Das neue Gilead der Christofaschisten ist äußerst fragil. Deshalb müssen wir Modelle menschlicher Identität fördern und verkörpern, die in unserer reichen Vielfalt und Zuneigung wurzeln.

Bei der Dämonisierung von Flüchtlingen, der LGBTQ+-Gemeinschaft und Immigranten ging es immer darum, uns darauf vorzubereiten, schließlich auch unsere eigenen Rechte als fremdauferlegt zu betrachten und zu vergessen, dass wir Menschen sind. Selbst wenn wir einander vielleicht nicht mögen, können wir immer so handeln, als liebten wir einander. Wir können uns der Passivität, der erlernten Hilflosigkeit und der Ablenkungsmanöver des Chaos erwehren. Die Ausgestoßenen, die Minderheiten, die Flüchtlinge, die Überlebenden, die Menschen, die keine Zeit zu verlieren haben, kurz: die Glücklosen wissen, wie das geht.

Die Broligarchen der Welt haben sich den Bevölkerungsrückgang im Westen angesehen und eine Zukunft ins Auge gefasst, in der Legebatterie-Mütter „Handmaid“-Hauben tragen und angemessen isoliert aufwachsenden Nachwuchs produzieren. Dieser Nachwuchs wird die Hautfarbe des Nachschubs an Unternehmensdrohnen aufhellen und durch psychologische Beeinflussungsmaßnahmen emotional elend und allein gehalten in Richtung Soziopathie getrieben werden. KI soll nach dem Willen der Broligarchen nicht unsere Zukunft sichern oder uns ein leichteres Leben auf unserem Planeten ermöglichen, sondern sie soll jede humane Funktion der Menschheit usurpieren und untergraben. Zudem fänden sie es gut, wenn von ihnen verursachtes wirtschaftliches Chaos, Umweltkollaps und eskalierende Krankheiten die Schwachen beseitigen. Es ist all dies ein großer Haufen selbstzerstörerischer Fantasien von Junkie-Sadisten.

Trotzdem lernen wir dazu. Auch während wir massenhaft zu Glücklosen werden, haben wir immer noch die Chance, Führungspersönlichkeiten zu wählen und Bewegungen zu schaffen, deren Liebessprache nicht Schmerz ist, sondern tatsächlich: Liebe. Wo immer dies eine Option ist, wo immer sich Wähler dafür entscheiden, zieht der Faschismus sich zurück. Höflichkeit, der Status quo, das alles reicht nicht mehr aus. Um es mit den Worten der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska zu sagen: „Ich ziehe schlaue Freundlichkeit der allzu vertrauensvollen vor.“

Mögest du immer schlauer werden, liebes Deutschland, und von immer radikalerer Freundlichkeit sein.

A. L. Kennedy ist eine schottische Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Als lebten wir in einem barmherzigen Land“ im Hanser-Verlag. Aus dem Englischen von Alexander Menden.