Sascha Mika: Ein misogyner Alptraum: Die Sozialreformen der Merz-Regierung benachteiligen Frauen.
Frankfurter Rundschau, 17.8.2026
Die Bundesregierung streicht bei Pflege, Gesundheit und Familien. Doch die unbezahlte Sorgearbeit, die dadurch entsteht, landet bei den Frauen. Ein Essay.
Regieren ist kein Philosophie-Seminar. Von einer Bundesregierung kann niemand erwarten, dass sie Nancy Fraser, Joan Tronto oder Kate Manne liest. Doch den einen oder anderen philosophischen Gedanken zu kennen, könnte nicht schaden.
Denn manchmal erhellt Philosophie, was politische Programme gerne verbergen: Welche Vorstellung vom Menschen liegen politischen Entscheidungen zugrunde? Und welche gesellschaftliche Ordnung stabilisieren und reproduzieren sie?
Sorgearbeit bleibt immer noch Privatsache
Die schwarz-rote Bundesregierung nennt es Reform. Bei Gesundheit, Pflege, Rente, Elterngeld und Unterhaltsvorschuss wird gekürzt, gedeckelt, umgebaut. Und wer zahlt die Rechnung? Die Sparpläne treffen vor allem diejenigen, die weniger verdienen, niedrigere Renten bekommen und den allergrößten Teil der Sorgearbeit für lau leisten. Also Frauen. Diese Regierung ist blind für weibliche Lebensrealitäten.
Der Kapitalismus lebt von Sorgearbeit, die er selbst nicht hervorbringt und häufig unsichtbar macht, konstatiert die amerikanische Philosophin Nancy Fraser. Sie spricht von einer „Krise der sozialen Reproduktion“.
Auf die aktuellen Reformpläne der Bundesregierung bezogen heißt das: Politik in einer kapitalistischen Gesellschaft entscheidet sich nicht nur an der Frage, wofür Geld da ist, sondern auch daran, wo es weggenommen wird – und wessen unbezahlte Arbeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird, um die Lücken zu stopfen.
Die Politik klagt über zu wenig Frauen in Vollzeit, kennt den Fachkräftemangel der Wirtschaft und fordert längere Lebensarbeit statt früher Rente. Wer hätte nicht die Schmähungen des Kanzlers im Ohr, der von „Lifestyle-Teilzeit“ schwadroniert und die Rente mit 63 für eine gewerkschaftliche Missgeburt hält?
Doch gleichzeitig will die Bundesregierung ausgerechnet dort sparen, wo Frauen schon jetzt nur mit Müh und Not, ihren Job und die Sorgearbeit auf die Reihe kriegen. Statt Sparprogrammen bräuchten sie strukturelle Unterstützung, um mehr Zeit für Erwerbsarbeit zu haben und dabei nicht ständig mit dem Gefühl zu leben, keiner Anforderung wirklich gerecht zu werden. Mental Load ist der neue Begriff für diesen Doppelbelastungsmodus.
Auf den ersten Blick scheint hier ein politischer Widerspruch zu liegen. Wie kann man Anforderungen formulieren, ohne die nötigen Voraussetzungen zur Erfüllung zu schaffen? Doch auf den zweiten Blick wird klar: Der Regierung geht es nicht darum, dass Frauen für ihre Arbeit entlohnt werden, ihre Existenz sichern und der Altersarmut entgehen. Es geht darum, sie als gesellschaftliche Reservearmee dort auszunutzen, wo sich der Staat seinen sozialen Pflichten entzieht.
Pflegearbeit verschwindet nicht, wenn der Staat Leistungen kürzt. Kinder brauchen nicht weniger Betreuung, weil Elterngeld und Unterhaltsvorschuss zusammengestrichen werden. Sorgearbeit löst sich nicht einfach in Luft auf – sie wird nur verlagert. Weg vom Staat, zurück in die Familien. Und dort auf die Frauen.
Der Sozialstaat kalkuliert mit einer Ressource, die in keinem Haushaltsentwurf auftaucht: der Arbeit von Frauen, die kaum einen Cent kostet. Und die soll im Zuge der sogenannten Sozialreformen noch weiter ausgebeutet werden.
Die politische Philosophin Joan Tronto, bekannt durch ihre Arbeit zur Care-Ethik, stellt fest: Eine demokratische Gesellschaft muss Sorgearbeit als politische und nicht als private Verantwortung begreifen. Tronto kritisiert, dass Fürsorge traditionell als Aufgabe von Frauen behandelt wird. Tatsächlich sei Care aber keine weibliche Privatangelegenheit, sondern die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft.
Ihr Fazit: Demokratie gelingt nur, wenn Sorgearbeit gerecht verteilt und gesellschaftlich anerkannt wird. Bei den Plänen der Bundesregierung kann davon mitnichten die Rede sein. Hier wird Verantwortung nicht nur privatisiert, sondern extrem ungleich zwischen Männern und Frauen verteilt.
Damit verbunden sind auch unterschiedliche Erwartungen und ein doppelter Standard im Blick auf Leistung: Während männliche Erwerbsarbeit als gesellschaftlicher Beitrag gilt, bleibt weibliche Fürsorge private Pflicht. Jederzeit abrufbar aber nicht belohnt – obwohl sie die Gesellschaft am Laufen hält.
Geld für Rüstung statt für Pflege
Dazu passt der Befund, wofür derzeit trotz Sparmaßnahmen sehr viel Geld da ist: für Rüstung und Militär. Wenn Milliarden in die Rüstungsindustrie fließen, kommen sie einem Wirtschaftsbereich zugute, dessen Arbeitsplätze weit überwiegend männlich besetzt sind. Auch die Bundeswehr ist, wie weltweit jede Armee, eine ausgesprochene Männerdomäne. Gleichzeitig treffen Einsparungen in Pflege und Gesundheit vor allem Branchen mit einem sehr hohen Frauenanteil.
Zum doppelten Standard passt auch die Beobachtung, wie schwer sich die Politik damit tut, in Sachen Unterhaltspflicht konsequent durchzugreifen. Wenn Eltern sich trennen, sind es zum allergrößten Teil Väter, die zahlungsunwillig sind. Für sie springt der Staat ein und leistet Unterhaltsvorschuss an die Alleinerziehenden. Hat eine Bundesregierung schon jemals harte Maßnahmen ergriffen, um diese Gelder wieder einzutreiben?
Nur knapp zwanzig Prozent der Unterhaltsgelder, die der Staat vorstreckt, werden von den Behörden zurückgeholt. Und schon nach drei Jahren sind diese Schulden verjährt. Beides ließe sich ändern, wenn die Politik es denn wollte. Doch warum sich Mühe machen, wenn es doch so viel einfacher ist, den Unterhaltsvorschuss für alleinerziehende Mütter zu kürzen, wie die Regierung es vorsieht. Der Mann wird geschützt, die Existenzgrundlage vieler Frauen untergraben.
Was für ein krasses Missverhältnis in einem Staat, der gleiche Teilhabe verspricht. Auf unterschiedlichen Ebenen festigen die Sozialreformen eine Ideologie der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen und stabilisieren eigentlich überkommene patriarchale Muster.
Gemeinhin wird Frauenhass – Misogynie - als zentraler Bestandteil des Patriarchats verstanden. Und psychologisch begründet als tief verwurzelte Abneigung, Verachtung und Abwertung von Frauen und allem Weiblichen
Die feministische Philosophin Kate Manne definiert den Begriff grundlegend anders. Für sie ist Misogynie ein politisches Phänomen. Ein Mechanismus, mit dem auch in einer postpatriarchalen Gesellschaft patriarchale Normen durchgesetzt und aufrechterhalten werden. Und das funktioniert nicht nur über einzelne Politiken oder Akteure, sondern ebenso über Strukturen – über soziale Standards, Praktiken, Institutionen.
Folgt man den Gedanken von Manne, bestraft Misogynie Frauen dort, wo sie sich den Erwartungen an Fürsorge, Verfügbarkeit und Selbstaufopferung entziehen – und honoriert, wenn sie diese erfüllen.
Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf die Sozialreformen. Denn wenn Leistungen in Pflege, Gesundheit und Familien gekürzt werden, steht die unausgesprochene politische Erwartung dahinter: Frauen werden das schon auffangen. Und dennoch weiter stillhalten.
Wenn der Staat darauf vertraut, dass Frauen für noch mehr unbezahlte Sorgearbeit zur Verfügung stehen, wird traditionell-weibliches Rollenverhalten nicht nur vorausgesetzt, sondern politisch reproduziert.
In Kate Mannes Verständnis ist genau das eine Funktion von Misogynie: Sie stabilisiert ein patriarchales System, indem sie Frauen immer wieder auf die Position der Fürsorgenden verweist, sie damit auf ein reaktionäres Muster zurückwirft und verpflichtet.
Deshalb wäre es zu einfach, der Bundesregierung dumpfe Frauenverachtung zu unterstellen. Ihre Misogynie kommt nicht als talibanmäßiger Angriff auf die weibliche Bevölkerung daher, sondern als gesellschaftspolitischer Mechanismus, der das bestehende Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen strukturell stützt und schützt.
So betreffen die geplanten Sozialkürzungen den Kern der Geschlechterordnung und unseres demokratischen Selbstverständnisses.
Denn am Ende geht es nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um Gleichberechtigung. Patriarchate erkennt man eben nicht nur daran, was sie Frauen verweigern. Sondern auch daran, was sie ihnen wie selbstverständlich zumuten.
Bleibt die Frage: Was wollen Frauen in diesem Land noch alles hinnehmen? Wieso ist ihre Geduld nicht längst erschöpft? Wann werden wir richtig laut?
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