Montag, 31. August 2026

Zukunftsverlust, Zerstörungslust

Wir erleben eine Art Wettrennen um Zerstörungsfähigkeit

Interview: Nils Markwardt spricht mit Eva von Redecker, in: DIE ZEIT 20. April 2026, 17:04 Uhr


DIE ZEIT: Eva von Redecker, worüber denken Sie gerade nach?

Eva von Redecker: Ich denke gerade über Energie nach. Denn mir scheint, dass wir immer noch unterschätzen, wie wichtig das Thema für rechtsextreme Politik ist. Man sieht es schon daran, wie notorisch Alice Weidel und Elon Musk sich über Kohle- oder Kernkraftwerke auslassen. Donald Trump hatte zu Beginn seiner zweiten Amtszeit wiederum direkt einen »nationalen Energienotstand« ausgerufen. Wir erleben derzeit nicht nur eine Fortsetzung des fossilen Zeitalters, sondern dessen nachdrückliche Ausweitung. Und obschon Leute damit natürlich auch Geld verdienen, ist diese Ausweitung nicht primär wirtschaftlich getrieben. Der Kapitalismus könnte relativ problemlos auf regenerative Energien umstellen. Doch die Energiewende wird derzeit mitunter sogar triumphal rückabgewickelt.

ZEIT: Woran erkennt man die Ausweitung des fossilen Zeitalters noch?

Redecker: Erstens an der geopolitischen Eskalation und der damit verbundenen Aufrüstung. Zweitens an der flächendeckenden Etablierung einer Art von künstlicher Intelligenz – der Large Language Models – , die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie extrem viel Energie verbrauchen. Meine These wäre, dass sich dies alles gerade deshalb durchsetzt, weil es so unvernünftig ist, gerade weil es so viel Energie verbraucht.

ZEIT: Lassen Sie uns versuchen, Ihre These an einem konkreten Beispiel durchzugehen. Die Trump-Regierung zahlte dem französischen Energiekonzern Total jüngst eine Milliarde US-Dollar zurück, damit dieser zwei geplante Offshore-Windkraftparks in den USA nicht baut. Das Geld soll Total nun in Flüssiggas-Projekte stecken. Wirtschaftlich scheint das tatsächlich irrsinnig. Wie lässt es sich erklären?

Redecker: Man sieht hier sehr gut, dass sich das Effiziente gerade nicht durchsetzt. Aber es scheint mir wichtig, dass man nicht in dem Staunen über diesen Irrsinn verharrt, sondern sich die Logik dahinter anschaut. Und die hat zunächst damit zu tun, dass wir aufgrund der Klimakrise mit einem tiefgreifenden Zukunftsverlust konfrontiert sind. Ohne Zukunft funktioniert aber die klassische kapitalistische Logik nicht mehr, die ja investiert, um später Gewinne zu machen. Beziehungsweise: Die in der Gegenwart sogar Verzicht leistet, um später die Früchte zu ernten. Wenn dieser offene Zukunftsverlauf nun wegfällt, bedarf es also einer neuen Akkumulationslogik.


»Die Zerstörung der planetaren Zukunft ist deshalb auch kein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird, sondern eine willkommene Machtdemonstration.«


ZEIT: Wie sieht die aus?

Redecker: Wir erleben ein Wettrennen um Zerstörungsfähigkeit. Vom urkapitalistischen Eigentumsversprechen bleibt dann nur noch der Extrempunkt übrig, nämlich der Umstand, dass man das, was einem gehört, auch zerstören kann. Man hegt und pflegt nicht mehr, man hortet nicht mehr, ja teilweise raubt man gar nicht einmal mehr, sondern zerstört eben nur noch.

ZEIT: Aber was hat der Eigentümer davon – außer Zerstörung?

Redecker: Mit der Zerstörung ist eine Form der Souveränität verbunden. Sie gewährt eine bestimmte Form von Macht und Freiheit: Macht als Verfügungsgewalt eines Quasi-Eigentümers; Freiheit als dessen Willkürspielraum. Indem man Windräder verbietet und stattdessen fossile Brennstoffe fördert, nimmt man gewissermaßen Rache am zukünftigen Leben. Die Zerstörung der planetaren Zukunft ist deshalb auch kein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird, sondern eine willkommene Machtdemonstration. Wobei letztere auch deshalb so entfesselt wird, weil sie weiß, dass sie auf tönernen Füßen steht.

ZEIT: Inwiefern?

Redecker: Eigentlich stehen alle ökologischen und wirtschaftlichen Zeichen auf Wind- und Solarenergie. Auch KI ließe sich fernab der energieintensiven Big-Data-Modelle weiterbeforschen, etwa in domänenspezifischen Anwendungen mit gezielt kuratierten Daten. Schließlich könnten wir uns auch mittels regenerativer Energie fortbewegen und heizen. So oder so ist ja klar: Wenn die Menschheit eine Zukunft haben will, muss die Verbrennung fossiler Rohstoffe überwunden werden.

ZEIT: Aber warum wollen Trump und Co diese Zukunft nicht haben?

Redecker: Weil es eben eine Zukunft wäre, die zuungunsten der Fossiltriumphatoren ausfiele. Eine weitere Schwäche des Zerstörungsdenkens besteht darin, dass man damit letztlich Intelligenz und Erfindungsgabe – ganz klassisch als Ingenieurstugenden – einschränkt. Zerstören können wir schon, da muss man nichts Neues erfinden. Man sieht das exemplarisch an programmatischen Schriften aus dem Silicon Valley. In seinem Techno-optimistischen Manifest plädiert der Investor Marc Andreessen etwa dafür, den Energieverbrauch zu vermillionfachen. Die triste Botschaft dahinter lautet: Wir machen weiter wie bisher, aber mit mehr Masse. Akkumulation als bloße Anhäufung desselben. Genau dafür steht ja im Grunde auch die angebliche Intelligenz der Chatbots: alte Sprachmuster in die Zukunft zu verlängern.


»Der neue Faschismus versteht die Erde nur noch als Müllhalde«


ZEIT: Ist diese energiepolitische Zerstörungslogik denn tatsächlich etwas genuin Kapitalistisches – oder nicht vielmehr ein Signum der gesamten Moderne? Immerhin forcierte der sowjetische Staatssozialismus nicht nur brutale Industrialisierungsmaßnahmen und verwandelte urbane Landschaften in Betonwüsten, sondern richtete auch derartige ökologische Verheerungen an, dass sich in den 1980er-Jahren in fast allen osteuropäischen Staaten oppositionelle Umweltgruppen bildeten.

Redecker: Es stimmt, dass die Zerstörung auch jenseits der Profitlogik funktioniert und somit ein Phänomen der gesamten Moderne ist. Aber dennoch scheint es mir einen grundlegenden Unterschied zu geben. Der real existierende Sozialismus gehört insofern zur klassischen Moderne, als er die Erde noch als einen Ort der Reichtumsproduktion und des Fortschritts ansah, man empfand die Betonwelt mitunter als wirklich schön.

ZEIT: Man hat der Erde also etwas zugemutet, aber immer in dem Glauben, den Ort insgesamt zu verbessern.

Redecker: Genau. Der neue Faschismus versteht die Erde aber nur noch als Müllhalde. Und hinzu kommt: Die durch den Fossilkapitalismus aus dem Ruder laufenden Naturgewalten – mehr Dürren, Überschwemmungen, Stürme – werden vom heutigen Faschismus als neuer Überlebenskampf ideologisiert. Nach dem Motto: Dann gehen halt ein paar Pazifikinseln unter, so ist das eben. Die faschistische Todespolitik wird in dem Moment an eine höhere Macht ausgelagert, an dem diese gar nicht mehr höhere Gewalt ist, sondern menschengemacht.

ZEIT: Wie kam es denn zu dieser Zerstörungsideologie? Im rechten Denken spielte das Bewahren – der Traditionen, der Heimat oder des »Volkskörpers« – ja lange eine herausragende Rolle. Und jemand wie Elon Musk wurde in einer Simpsons-Folge aus dem Jahr 2015 noch als ökologischer Weltenretter porträtiert.

Redecker: Der Elon Musk, der einen angeblich »apocalypse-proof« Cybertruck herstellt, dessen Produktion noch mehr Stahl und Seltene Erden als die meisten anderen Autos benötigt, dem nehme ich die Klimarettung nicht ab. Aber es stimmt: Seiner Zeit gab es zumindest noch eine modernistische Pose, die vorgab, ein Problem mit Technologie zu lösen. Nur ist unsere Realität mittlerweile an dem Punkt, an dem auch Elon Musk klar ist, dass dieses Problem so nicht zu lösen ist. Und das bedeutet in der Konsequenz, dass das Problem dann geleugnet wird. Mittlerweile ist für Musk nicht mehr der Klimawandel das Problem, sondern der Geburtenrückgang der weißen Bevölkerung. Zudem ist Musk ja auch ein Anhänger des Longtermism …


»Man identifiziert sich richtiggehend mit der apokalyptischen Bedrohung.«


ZEIT: … einer Denkrichtung, die das moralische Handeln danach beurteilt, ob es der Menschheit in sehr, sehr ferner Zukunft nutzt.

Redecker: Ja, und hier vollzieht sich – letztlich aus der Not, die Gegenwart nicht mehr beherrschen zu können – eine perverse Ausweitung des Zeithorizonts. Die Anhänger des Longtermism interessiert nicht, was in den nächsten 100 Jahren passiert, sondern was in 100.000 Jahren geschieht. Das relativiert die aktuelle Krise ungemein, weil man auf Erdflucht und Kolonisierung anderer Planeten setzen kann. Man identifiziert sich richtiggehend mit der apokalyptischen Bedrohung. Bevor man wartet, dass die Erde langsam kaputtgeht und man noch herumrepariert, beteiligt man sich aktiv an der Zerstörung.

ZEIT: Das wäre dann in der Konsequenz das Model der Außerirdischen im Film Independence Day: Man zieht von Planet zu Planet, um deren Ressourcen auszubeuten und hinterlässt jeweils einen Müllhaufen.

Redecker: Und dagegen hilft nur ein ganz anderes Zeitlichkeitsdenken. Anstatt wie im Longtermism die Fluchtlinie unendlich auszuweiten, muss man sich die Zeitspannen vergegenwärtigen, auf denen alles heute Lebende beruht – und ebenso die Zeitspannen, die es braucht, um dieses Lebende intakt zu halten oder zu reparieren. Wenn wir also aufhören, so zeitblind zu sein, und etwa auch bedenken, wie viele Millionen Jahre Kohle oder Gas für ihre Entstehung brauchten, wird klar, dass diese fossilen Antriebskräfte eben nicht einfach gegeben sind, sondern eingebunden sind in umfassende ökologische Zyklen.

ZEIT: Wie ist denn China in diesem Zusammenhang zu bewerten? Einerseits baut das Land mit extremer Geschwindigkeit die regenerativen Energien aus und könnte bald zum ersten Elektrostaat werden. Andererseits ist der Ressourcenverbrauch des chinesischen Modernisierungsprojekts immens: Zwischen 2011 und 2013 verbaute China mehr Beton als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

Redecker: Es scheint, dass China sich noch in der modernistischen Logik bewegt, wo es nicht um bloße Zerstörung geht, sondern der Ressourcenverbrauch destruktive Nebeneffekte hat. Gleichzeitig kann man hier an die These des Energiehistorikers Jean-Baptiste Fressoz erinnern, wonach es ein Missverständnis sei, dass ein Energieträger den anderen ablöst. In den letzten 400 Jahren sei es vielmehr so gewesen, dass die Erschließung eines neuen Energieträgers den Verbrauch des älteren sogar erhöhte. Als man in die Kohleförderung einstieg, musste man auch mehr Holz fällen, um etwa die Schienen für die damit verbundenen Eisenbahnen zu bauen. Insofern sehe ich derzeit nicht, dass China sich von der permanenten Ausweitung des Ressourcenverbrauchs wirklich entkoppeln könnte. Aber es wäre natürlich dennoch gut, wenn China den Westen ein wenig unter Druck setzte, hier also die ganz schnöde kapitalistische Konkurrenz wirkte.

ZEIT: Und womöglich könnte China den Westen auch deshalb herausfordern, weil letzterer feststellt, dass China sich einen geostrategischen Vorteil verschafft, indem es sich von kriegsbedingten Ölkrisen unabhängiger macht.

Redecker: Es wäre tatsächlich ein Treppenwitz der Geschichte, wenn die Energiewende nun nicht aus ökologischer Vernunft möglich würde, sondern aus kriegsstrategischen Gründen. Oder vielleicht sollte ich in dem Fall sagen »passieren würde«. Denn zum »Gelingen« gehört doch eine demokratische Willensbildung und nicht diese Art der Erpressung zum Vernünftigen.

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