Dienstag, 27. Januar 2015

Liberalismus / Fundamtalismus

Slavoj Zizek

(...) Das Paradoxe ist, dass der Liberalismus nicht stark genug ist, sie vor dem fundamentalistischen Ansturm zu retten. Fundamentalismus ist eine Reaktion - eine falsche, mystifizierende Reaktion natürlich - auf eine wirkliche Schwäche des Liberalismus. Deswegen wird sie vom Liberalismus immer wieder neu geschaffen. Sich selbst überlassen, wird sich der Liberalismus langsam unterminieren. Das Einzige, was seine Grundwerte retten kann, ist eine erneuerte Linke. Damit sein Vermächtnis überleben kann, braucht der Liberalismus die brüderliche Hilfe der radikalen Linken. Das ist der einzige Weg, denFundamentalismus zu besiegen, ihm den Boden zu entziehen. Über eine Antwort auf die Pariser Morde nachzudenken bedeutet, die Selbstgefälligkeit eines permissiven Liberalen aufzugeben und zu akzeptieren, dass der Konflikt zwischen liberaler Toleranz und Fundamentalismus letztlich ein falscher Konflikt ist - ein Teufelskreis zwischen zwei Polen, die sich gegenseitig schaffen und bedingen. Was Max Horkheimer schon in den 1930er-Jahren über Faschismus und Kapitalismus gesagt hat - dass die, die nicht kritisch über den Kapitalismus sprechen wollen, über den Faschismus schweigen sollen -, das sollte auch auf den heutigen Fundamentalismus angewendet werden: Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie reden will, der sollte über den religiösen Fundamentalismus schweigen. (...) ich habe großen Respekt vor ehrlichen liberalen Konservativen wie Houellebecq, Finkielkraut oder Sloterdijk in Deutschland. Man kann von ihnen mehr lernen als von fortschrittlichen Liberalen wie Habermas: Ehrliche Konservative scheuen sich nicht davor, die Blockade einzugestehen, in der wir uns befinden. Houellebecqs "Elementarteilchen" ist für mich das verheerendste Porträt der sexuellen Revolution der Sechzigerjahre. Er beschreibt, wie der permissive Hedonismus in ein obszönes Über-Ich-Universum umschlägt, in dem Lust zur Pflicht wird. Sogar sein Antiislamismus ist verfeinerter, als es erscheinen mag: Es ist ihm klar, dass das wahre Problem nicht die muslimische Bedrohung von außen ist, sondern unsere eigene Dekadenz. Vor langer Zeit hat Nietzsche erkannt, dass die westliche Kultur sich auf den "letzten Menschen" zubewegt, eine apathische Kreatur ohne große Leidenschaft oder Verantwortung. Unfähig zu träumen, des Lebens müde, geht er kein Risiko ein, sucht nur Bequemlichkeit und Sicherheit, einen Ausdruck von gegenseitiger Toleranz: "Ein wenig Gift ab und zu: Das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: Aber man ehrt die Gesundheit. ,Wir haben das Glück erfunden', sagen die letzten Menschen und blinzeln."(...)

Auszug aus einem im Standard erschienenen Interview DER STANDARD, 24.1.2015

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