Samstag, 14. Januar 2017

Welt in Panik


Zygmunt Bauman

Die Welt in Panik. Wie die Angst vor Migranten geschürt wird

Fernsehnachrichten, die Schlagzeilen der Tageszeitungen, Tweets und politische Reden, in denen öffentliche Ängste und Befürchtungen für gewöhnlich konzentriert werden und ein Ventil finden, werden gegenwärtig überschwemmt von Hinweisen auf die „Migrationskrise“, die Europa angeblich überwältigt und das Leben, wie wir es kennen, führen und schätzen, dem Untergang zu weihen droht. Diese Krise ist im Augenblick eine Art politisch korrekter Deckname für den ewigen Kampf der Meinungsmacher um die Eroberung und Kontrolle des Denkens und Fühlens der Menschen. Die Berichterstattung von diesem Schlachtfeld löst derzeit fast schon so etwas wie eine „moralische Panik“ aus (nach der allgemein anerkannten Definition beschreibt der Begriff der moral panic eine „weitverbreitete Angst, dass ein Übel das Wohl der Gesellschaft bedroht“).
Während ich dies schreibe, kündigt sich eine weitere Tragödie an, geboren aus gefühlloser Gleichgültigkeit und moralischer Blindheit. Die Anzeichen mehren sich, dass die öffentliche Meinung sich im Einklang mit den quotenlüsternen Medien schrittweise, aber unaufhaltsam dem Punkt nähert, an dem sie der ständigen Berichte über Flüchtlingstragödien überdrüssig wird. Ertrunkene Kinder, hastig errichtete Mauern, Stacheldrahtzäune, überfüllte Flüchtlingslager und Regierungen, die darum wetteifern, die Wunden des Exils der mit knapper Not Entkommenen und die nervenzerreißenden Gefahren der Flucht noch dadurch zu verschlimmern, dass sie die Flüchtlinge auf beleidigende Weise wie heiße Kartoffeln behandeln – all diese moralischen Ungeheuerlichkeiten verlieren an Neuigkeitswert und erscheinen immer seltener „in den Nachrichten“.
Doch leider ist es ganz normal, dass schockierende Ereignisse sich in die langweilige Routine der Normalität verwandeln – dass moralische Panik sich selbst verbraucht und hinter dem Schleier des Vergessens aus den Augen und dem Sinn verschwindet. Wer erinnert sich heute noch an die afghanischen Flüchtlinge, die in Australien Asyl suchten und sich gegen die Stacheldrahtzäune in Woomera warfen oder in den großen Flüchtlingslagern verschwanden, die von der australischen Regierung auf Nauru und den Weihnachtsinseln eingerichtet wurden, um die Flüchtlinge zu hindern, „in australische Hoheitsgewässer einzudringen“? Oder an die Dutzenden von sudanesischen Exilanten, die im Stadtzentrum Kairos von der Polizei getötet wurden, „nachdem das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge sie ihrer Rechte beraubt hatte“?[1]
Massive Migration ist alles andere als eine neue Erscheinung. Sie begleitet die Neuzeit seit ihren Anfängen (auch wenn sie ständigen Veränderungen unterworfen war und gelegentlich sogar die Richtung wechselte). Denn zu unserer „modernen“ Lebensweise gehört die Produktion „überflüssiger Menschen“, die aufgrund des ökonomischen Fortschritts lokal nutzlos (überschüssig, ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt) oder lokal untragbar erscheinen, nachdem sie in Unruhen und Konflikten, die ihrerseits von sozialen oder politischen Veränderungen ausgelöst wurden, als Sündenböcke identifiziert wurden. Zusätzlich zu alledem jedoch erleben wir heute die Folgen der tiefgreifenden und scheinbar aussichtslosen Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens im Gefolge falsch kalkulierter, irrsinnig kurzsichtiger und eindeutig misslungener politischer und militärischer Eingriffe westlicher Mächte.
Die Faktoren, welche in den Ursprungsländern der Flüchtlinge wirken, lassen sich insofern zwei Kategorien zuordnen. Dasselbe gilt aber auch für die Folgen der Migration in den aufnehmenden Ländern: In den „entwickelten“ Teilen der Welt, in denen Wirtschaftsmigranten und Flüchtlinge gleichermaßen Zuflucht suchen, begrüßen manche aus wirtschaftlichen Interessen den Zustrom billiger Arbeitskräfte und der Träger profitversprechender Qualifikationen. Wie Dominic Casciani es prägnant zusammenfasst: „Britische Arbeitgeber suchen eifrig nach billigen ausländischen Arbeitskräften, und Arbeitsvermittler bemühen sich intensiv, auf dem Kontinent ausländische Arbeitskräfte ausfindig zu machen und unter Vertrag zu nehmen.“[2]
Für die Masse der bereits heute unter existenzieller Unsicherheit, einer prekären sozialen Situation und ungewissen Aussichten leidenden Bevölkerung signalisiert der Zustrom hingegen noch mehr Konkurrenz und sinkende Aussichten auf eine Verbesserung der Zustände: eine politisch explosive Gefühlslage, wobei die Politiker unbeholfen zwischen ihren miteinander nicht zu vereinbarenden Bestrebungen schwanken, einerseits ihre kapitalbesitzenden Herren zufriedenzustellen und andererseits die Ängste ihrer Wähler zu besänftigen. Beim gegenwärtigen und wahrscheinlich noch lange Zeit anhaltenden Stand der Dinge dürfte die Massenmigration alles in allem nicht so bald zum Stillstand kommen – weder durch einen Wegfall der Ursachen noch durch wachsenden Einfallsreichtum bei den Bemühungen, ihr Einhalt zu gebieten. Wie Robert Winder im Vorwort zur zweiten Ausgabe seines Buchs „Bloody Foreigners“ so klug bemerkt: „Wir können unsere Liegestühle noch so oft am Strand aufstellen und den heranrollenden Wellen zurufen, sie sollten zurückweichen, die Flut wird nicht auf uns hören.“[3]
Die Errichtung von Mauern zur Abwehr der Migranten ähnelt auf lächerliche Weise der Geschichte vom antiken Philosophen Diogenes, der die Tonne, in der er hauste, kreuz und quer durch die Straßen seiner Heimatstadt Sinope rollte. Nach den Gründen für dieses sonderbare Tun gefragt, erwiderte er, da er sehe, wie seine Nachbarn eifrig ihre Türen verbarrikadierten und ihre Schwerter schärften, wolle auch er seinen Beitrag zur Verteidigung der Stadt gegen die Eroberung durch die heranrückenden Truppen Alexanders des Großen leisten.

Scheiternde Staaten und das Versagen des Westens

In den letzten Jahren ist allerdings der Anteil der Flüchtlinge und Asylsuchenden an der Gesamtzahl der an den Toren Europas anklopfenden Migranten sprunghaft angestiegen; und dieser Anstieg hat seine Ursache in der wachsenden Zahl „scheiternder“ oder vielmehr bereits gescheiterter Staaten oder – in jeder Hinsicht – staaten- und damit gesetzloser Territorien: Schauplätzen endloser Kriege zwischen Stämmen und Religionsgruppen, unzähliger Massenmorde, völliger Gesetzlosigkeit und ständiger Ausraubung. In erheblichem Maße handelt es sich hier um „Kollateralschäden“ der von fatalen Fehlurteilen geleiteten, unglückseligen und verhängnisvollen militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak, die damit endeten, dass diktatorische Regime durch das rund um die Uhr geöffnete Theater völliger Gesetzlosigkeit und entfesselter Gewalt ersetzt wurden – unterstützt und begünstigt durch den weltweiten, jeder Kontrolle entzogenen und von der profitgierigen Rüstungsindustrie befeuerten Waffenhandel, mit stillschweigender (wenngleich auf internationalen Rüstungsmessen oft stolz zur Schau gestellter) Unterstützung durch Regierungen, die sich ganz der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts verschrieben haben.
Die Flut der Flüchtlinge, die von willkürlicher Gewalt dazu gezwungen wurden, ihr Heim wie auch ihr Hab und Gut aufzugeben und ihr Leben vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Sicherheit zu bringen, verstärkte den stetigen Strom der sogenannten „Wirtschaftsmigranten“, die der allzu menschliche Wunsch treibt, von ihren ausgedörrten Böden dorthin zu wandern, wo das Gras noch grün ist: aus verarmten Ländern, in denen sie keinerlei Aussichten haben, in Traumländer voller Chancen. Über diesen stetigen Strom von Menschen auf der Suche nach einem annehmbaren Lebensstandard (einen Strom, der seit Anbeginn der Menschheit fließt und der von der modernen Industrie mit ihren überschüssigen Menschen und verworfenen Leben[4] nur beschleunigt worden ist) schreibt Paul Collier in „Exodus“, seinem großen Werk: „Der erste Fakt ist, dass die Einkommenskluft zwischen armen und reichen Ländern ein groteskes Ausmaß angenommen hat und das globale Wachstum sie noch für Jahrzehnte bestehen lassen wird. Der zweite ist, dass die Migration diese Kluft nicht erheblich verkleinern wird, da die Rückwirkungskräfte zu schwach sind. Und der dritte besagt, dass die Auslandsgemeinden noch jahrzehntelang wachsen werden, da die Migration weitergeht. Die Einkommenskluft wird also weiterhin bestehen bleiben, während sich der Anreiz zur Migration noch verstärken wird. Das hat zur Folge, dass die Migration aus armen in reiche Länder zunehmen wird. In absehbarer Zeit wird die internationale Migration kein Gleichgewicht erreichen, das heißt: Wir erleben den Beginn eines Ungleichgewichts von enormem Ausmaß.“[5]
Zwischen 1960 und 2000, so hat Collier berechnet, war „ein steiler Anstieg von 20 auf 60 Millionen [...] bei der Migration aus armen in reiche Länder zu verzeichnen [...], aber die Migration dürfte auch im folgenden Jahrzehnt in ähnlicher Weise zugenommen haben“.[6] Man könnte sagen, ihrer eigenen Logik und ihren eigenen Triebkräften überlassen, verhielten die Bevölkerungen der armen und der reichen Länder sich wie eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren. Die Zahl der Immigranten stiege, bis ein Gleichgewicht erreicht wäre und sich die Wohlstandsniveaus in den „entwickelten“ und den „in Entwicklung befindlichen“ Teilen der globalisierten Welt einander angeglichen hätten. Bis es so weit ist, dürften allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit noch Jahrzehnte vergehen – von den Launen der Geschichte einmal ganz abgesehen.

Liebe zum und Angst vor dem Fremden – zwei Seiten einer Medaille

Seit dem Beginn der Moderne klopfen Menschen, die vor den Gräueln des Krieges und der Despotie oder einem aussichtslosen Dasein fliehen, an die Türen anderer Völker. Für die Menschen hinter diesen Türen waren sie immer schon – wie auch heute noch – Fremde. Fremde lösen gerade deshalb oft Ängste aus, weil sie „fremd“ sind – also auf furchterregende Weise unberechenbar und damit anders als die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben und von denen wir zu wissen glauben, was wir von ihnen erwarten können. Nach allem, was wir wissen, könnte der massive Zustrom von Fremden Dinge zerstören, die uns lieb sind, und unser tröstlich vertrautes Leben verstümmeln oder gänzlich auslöschen.
Die Menschen, mit denen wir in unserer Nachbarschaft, auf der Straße oder am Arbeitsplatz zusammenzuleben gewohnt sind, teilen wir in Freunde und Feinde ein, wir heißen sie willkommen oder tolerieren sie lediglich. Doch welcher Gruppe wir sie auch zuordnen mögen, wir wissen sehr genau, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten und wie wir unsere Interaktion mit ihnen gestalten sollen. Über Fremde wissen wir dagegen viel zu wenig, um ihre Schachzüge durchschauen und angemessen darauf reagieren zu können – also ihre Absichten zu erkennen und ihre nächsten Schritte zu antizipieren. Nicht zu wissen, was man als Nächstes tun und wie man auf eine Situation reagieren soll, die man nicht herbeigeführt und auch nicht unter Kontrolle hat, ist eine wichtige Ursache von Angst und Furcht.
Wir könnten nun sagen, das seien universelle und zeitübergreifende Probleme, die auftreten, wenn „Fremde sich unter uns befinden“ – Probleme, die zu allen Zeiten auftreten und alle Teile der Bevölkerung mit mehr oder weniger ähnlicher Intensität und in mehr oder weniger ähnlichem Ausmaß treffen. Dicht bevölkerte städtische Regionen bringen unausweichlich zwei gegensätzliche Impulse hervor: einerseits Mixophilie (eine Vorliebe für vielfältige, heterogene Umgebungen, die unbekannte und unerforschte Erfahrungen ermöglichen und daher die Freuden des Abenteuers und der Entdeckung versprechen) und andererseits Mixophobie (die Angst vor einem nicht beherrschbaren Ausmaß an Unbekanntem, nicht zu Bändigendem, Beunruhigendem und Unkontrollierbarem).
Der erstgenannte Antrieb ist die Hauptattraktion städtischen Lebens – der letztgenannte dagegen dessen größter Fluch, vor allem in den Augen der weniger Glücklichen und Begüterten, die anders als die Reichen und Privilegierten (die sich in gated communities einkaufen können, um sich gegen das störende, verwirrende und immer wieder auch beängstigende Getümmel und Chaos der überfüllten Straßen der Stadt abzuschotten) nicht über die nötigen Mittel verfügen, um den zahllosen Fallen und Hinterhalten zu entgehen, die überall in der heterogenen und allzu oft unfreundlichen, misstrauischen und feindseligen urbanen Umgebung lauern und deren versteckten Gefahren sie notgedrungen ihr Leben lang ausgesetzt sind. Alberto Nardelli schreibt dazu im „Guardian“ vom 11. Dezember 2015: „Nahezu 40 Prozent der Europäer bezeichnen die Einwanderung als das größte Problem, vor dem die EU steht – mehr als bei jeder anderen Frage. Noch vor einem Jahr äußerten weniger als 25 Prozent diese Ansicht. Und für die Hälfte der britischen Öffentlichkeit gehört die Einwanderung zu den wichtigsten Problemen, mit denen das Land konfrontiert ist.“[7]
In unserer zunehmend deregulierten, polyzentrischen, aus den Fugen geratenen Welt ist diese permanente Ambivalenz des städtischen Lebens indessen nicht das Einzige, das uns angesichts heimatloser Neuankömmlinge Angst und Unbehagen empfinden lässt, das feindselige Gefühle gegen sie weckt und zu Gewalt einlädt – und auch dazu, die offensichtlich trostlose, bedauernswerte und machtlose Zwangslage der Immigranten auszunutzen oder zu missbrauchen. Dabei spielen zwei weitere Elemente eine Rolle, die auf die Besonderheiten unseres deregulierten Lebens und Zusammenlebens zurückgehen – zwei Faktoren, die sich scheinbar deutlich voneinander unterscheiden und daher vornehmlich verschiedene Gruppen von Menschen betreffen. Beide Faktoren verstärken das Ressentiment und die Aggression gegenüber Immigranten, aber jeweils in unterschiedlichen Teilen der einheimischen Bevölkerung.

Der Hase erhebt sich über den Frosch

Der erste Impuls folgt, wenn auch in etwas modernisierter Form, dem Muster, das Äsops antike Fabel von den Hasen und den Fröschen vorzeichnet. In dieser Geschichte fühlen die Hasen sich derart von anderen wilden Tieren verfolgt, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie bleiben sollen. Nähert sich ihnen auch nur ein einziges Tier, stieben sie auseinander. Eines Tages stürmen sie aus Angst vor Raubtieren panisch ans Ufer eines nahe gelegenen Teichs, fest entschlossen, sich darin zu ersäufen, statt im Zustand ständiger Angst weiterzuleben. Als sie jedoch ans Ufer kommen, schrecken sie zahlreiche Frösche auf, die dort sitzen und nun panisch ins Wasser springen. „Halt“, ruft da einer der Hasen, „wir wollen das Ersäufen noch ein wenig aufschieben, denn auch uns fürchten, wie ihr seht, einige Tiere.“ Die Moral der äsopschen Fabel ist einfach: Die Befriedigung, die dieser Hase empfand – eine willkommene Atempause von der üblichen Verzweiflung über die alltägliche Verfolgung –, rührt aus der Erkenntnis: „Es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.“[8]
Von „anderen wilden Tieren“ verfolgte Hasen, die sich in einer ähnlich elenden Lage befinden wie die in Äsops Fabel, gibt es viele in unserer Gesellschaft menschlicher Tiere – in den letzten Jahrzehnten ist ihre Zahl noch gewachsen, und das scheinbar unaufhaltsam. Sie leben in Armut, Elend und Verachtung inmitten einer Gesellschaft, die sie auszustoßen trachtet und sich zugleich der Großartigkeit ihres unvergleichlichen Komforts und Reichtums rühmt. Nach den ständigen Verhöhnungen und Vorwürfen seitens „anderer menschlicher Tiere“ fühlen sich unsere „Hasen“ beleidigt, unterdrückt, gedemütigt und entwürdigt – von anderen Menschen, aber zugleich auch vor dem Gerichtshof ihres eigenen Gewissen beschimpft, lächerlich gemacht und erniedrigt aufgrund ihrer nur allzu offensichtlichen Unfähigkeit, zu den Erfolgreicheren aufzuschließen. In einer Welt, in der von jedem erwartet und verlangt wird, „für sich selbst zu sorgen“, gleichen diese menschlichen Hasen, denen Respekt, Sorge und Anerkennung durch andere Menschen verweigert wird, den „von anderen wilden Tieren verfolgten“ äsopschen Hasen. Sie sind dazu verdammt, jene sprichwörtlichen „Letzten“ zu sein, die bekanntermaßen und angeblich ganz zu Recht die Hunde beißen – und zwar für immer, ohne Hoffnung und vor allem ohne ernsthafte Aussichten auf Erlösung oder ein Entkommen.
Für die Ausgestoßenen, die den Eindruck haben, ganz am Boden angekommen zu sein, ist die Entdeckung eines weiteren, noch tieferen Bodens als der, auf den sie selbst gedrückt worden sind, eine seelenrettende Erfahrung, die ihnen ihre menschliche Würde und den Rest an Selbstachtung zurückgibt, der ihnen geblieben sein mag. Die Ankunft einer Masse heimatloser Migranten, die nicht nur in der Praxis, sondern auch nach dem Gesetz ihrer Menschenrechte beraubt sind, bietet die (seltene) Chance solch einer Situation. Das erklärt zu einem großen Teil die Koinzidenz der jüngsten Massenzuwanderung und des Anstiegs der Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus und eines chauvinistischen Nationalismus – wie auch die erstaunlichen und beispiellosen Wahlerfolge fremdenfeindlicher, rassistischer, chauvinistischer Parteien und Bewegungen und ihrer hurrapatriotischen Anführer.

Nationalismus als Rettungsboot oder: Die Angst vor dem Absturz

Der von Marine Le Pen geführte Front National sammelt Stimmen vor allem in den unteren – enterbten, diskriminierten, verarmten sowie Exklusion fürchtenden – Schichten der französischen Gesellschaft und sichert sich seine Unterstützung mit der explizit geäußerten oder stillschweigend vorausgesetzten Parole „Frankreich den Franzosen“. Von Menschen, denen praktisch – wenngleich bislang (noch) nicht formell – der Ausschluss aus ihrer Gesellschaft droht, kann solch eine Parole kaum überhört werden. Schließlich bietet der Nationalismus ihnen das ersehnte Rettungsboot (eine Wiederbelebungsmaßnahme?) für ihre schwindende oder bereits zerstörte Selbstachtung. Was den sogenannten white trash der amerikanischen Südstaaten vor einem extremen, quälenden, selbstmörderischen Selbsthass bewahrte, war die Anwesenheit „subhumaner Neger“, denen selbst noch das einzige Privileg verwehrt blieb, dessen der „white trash“ sich – zumindest in den eigenen Augen – rühmen durfte: die weiße Haut. Franzose (oder Französin) zu sein ist ein Merkmal (das einzig verbliebene?), das die französische Entsprechung des „white trash“ derselben Gruppe zuordnet wie die guten und edlen, hohen und mächtigen Leute an der Spitze und sie auf diese Weise über die ebenso elenden Fremden und staatenlosen Neuankömmlinge emporhebt.
Die Migranten stehen für jenen ersehnten Boden, der noch tiefer liegt – noch unterhalb des Bodens, auf den die einheimischen misérables verwiesen wurden – und der das eigene Schicksal etwas weniger entwürdigend und damit etwas weniger bitter und unerträglich erscheinen lässt. Den Migranten muss klargemacht werden, dass ihr Aufenthalt nur zeitweilig geduldet wird – damit die Franzosen und Französinnen sich wenigstens chez soi, bei sich, fühlen können.
Es gibt noch einen weiteren, außergewöhnlichen (das heißt über das „normale“, zeitlose Misstrauen gegenüber Fremden hinausreichenden) Grund für den Groll gegen den massiven Zustrom von Flüchtlingen und Asylsuchenden, einen Grund, der in erster Linie für einen anderen Teil der Gesellschaft gilt – das erst im Entstehen begriffene Prekariat: Menschen, die Angst haben, ihre geschätzten und beneidenswerten Errungenschaften, Besitzstände und sozialen Positionen zu verlieren, anders als die eben erwähnten Entsprechungen zu Äsops Hasen, die in Verzweiflung versunken sind, weil sie all das bereits verloren haben oder gar nicht erst die Chance hatten, diesen Status überhaupt zu erreichen.
Wir kommen nicht um die Feststellung herum, dass das massive und plötzliche Erscheinen von Fremden auf unseren Straßen weder von uns verursacht wurde noch unter unserer Kontrolle steht. Niemand hat uns gefragt, und niemand hat uns um unsere Einwilligung gebeten. Kein Wunder, dass die ständig neu eintreffenden Immigranten (um es mit Bertolt Brecht zu sagen) als „Boten des Unglücks“ empfunden werden. Sie verkörpern den Zusammenbruch der Ordnung (was immer wir unter „Ordnung“ verstehen mögen: einen Zustand, in dem die Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen stabil, also verständlich und vorhersagbar sind, so dass diejenigen, die darin leben, wissen, wie sie sich zu verhalten haben); den Zusammenbruch einer Ordnung, die ihre Bindungskraft verloren hat. Die Immigranten sind eine aktualisierte, „neue und verbesserte“, ernsthafter behandelte Version jener Sandwich-Men, die in den frivol und leichtsinnig rauschenden zwanziger Jahren Plakate durch die von naiven Nachtschwärmern verstopften Straßen trugen, auf denen zu lesen war: „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist nah.“ Die Immigranten bringen, wie Jonathan Rutherford es so treffend formuliert hat, „die schlechten Nachrichten aus einem fernen Winkel der Erde direkt vor unsere Haustür“.[9] Sie führen uns vor Augen und halten in unserem Bewusstsein, was wir so gerne vergäßen oder lieber noch ganz aus der Welt wünschten: gewisse globale, ferne, gelegentlich angesprochene, aber nie zu sehende, dunkle, mysteriöse und nicht leicht vorzustellende Kräfte, die mächtig genug sind, auch unser Leben zu beeinträchtigen, während sie sich um unsere Präferenzen kein bisschen scheren. Die „Kollateralopfer“ dieser Kräfte gelten aufgrund einer perversen Logik oft als deren Vorhut, die mitten unter uns Brückenköpfe errichtet. Diese Nomaden – die nicht aus eigenem Antrieb, sondern aufgrund eines herzlosen Schicksals dazu geworden sind – erinnern uns auf irritierende, ärgerliche und erschreckende Weise an die (unheilbare?) Verwundbarkeit unserer eigenen Stellung und an die endemische Zerbrechlichkeit unseres hart erarbeiteten Wohlstands.
Es ist eine menschliche – allzu menschliche – Gewohnheit, den Boten für den unerwünschten Inhalt der von ihm überbrachten Botschaft verantwortlich zu machen. In diesem Fall also für jene rätselhaften, undurchschaubaren und zu Recht beargwöhnten globalen Kräfte, die wir (aus guten Gründen) im Verdacht haben, für das lähmende und demütigende Gefühl existenzieller Unsicherheit verantwortlich zu sein, das unsere Zuversicht schmälert oder zerstört und unsere Wünsche, Träume und Lebenspläne durchkreuzt. Auch wenn wir fast nichts gegen die schwer zu fassenden und fernen Kräfte der Globalisierung zu unternehmen vermögen, können wir doch wenigstens den Zorn, den sie ausgelöst haben und weiterhin auslösen werden, umleiten und bei ihren sichtbaren „Produkten“ abladen, die greifbar und in unserer Reichweite sind. Dadurch gelangt man zwar nicht einmal in die Nähe der eigentlichen Wurzeln des Übels, aber es erleichtert möglicherweise, wenigstens zeitweilig, die demütigende Erfahrung unserer Hilflosigkeit und Unfähigkeit, den entmutigend prekären Charakter unserer Stellung in der Welt auszuhalten.
Diese verdrehte Logik, das daraus erwachsende Denken und die davon ausgelösten Gefühle bilden einen äußerst fruchtbaren Boden, eine nahrhafte Wiese, die zahlreiche politische Stimmenfänger nur zu gerne abgrasen möchten. Das ist eine Chance, die immer mehr Politiker sich nicht entgehen lassen wollen. Kapital zu schlagen aus den Ängsten, die der Zustrom der Fremden auslöst – der, wie man befürchtet, die bereits stagnierenden Löhne und Gehälter noch weiter drücken und die schon jetzt fürchterlich langen Schlangen der Menschen, die (erfolglos) um die notorisch knappen Jobs anstehen, noch weiter verlängern wird –, ist eine Versuchung, der nur wenige amtierende oder auf Ämter hoffende Politiker zu widerstehen vermögen.

Bekämpfen wir die globale Gleichgültigkeit

Politiker, die diese Gelegenheit nutzen möchten, können dazu die unterschiedlichsten Strategien einsetzen – und tun dies bereits. Doch eines sollte klar sein: Die Politik wechselseitiger Abschottung, die Mauern statt Brücken baut und auf schalldichte Echokammern statt auf leistungsfähige Verbindungen für eine ungestörte Kommunikation setzt (wobei man jegliche Schuld von sich weist und eine als Toleranz verkleidete Gleichgültigkeit demonstriert), führt nirgendwo anders hin als in das Brachland des gegenseitigen Misstrauens, der Entfremdung und der Verschärfung der Lage. Eine derart selbstmörderische Politik, die kurzfristig für ein scheinbares Wohlbefinden sorgt (indem sie die Herausforderung außer Sichtweite jagt), sammelt Sprengstoff für zukünftige Explosionen. Und deshalb liegt ein weiterer zwingender Schluss auf der Hand: Der einzige Weg aus den aktuellen Unannehmlichkeiten wie auch den zukünftigen Leiden führt über die Ablehnung der trügerischen Versuchung, sich abzuschotten. Statt uns zu weigern, den Realitäten unserer Zeit, den mit dem Diktum „Ein Planet, eine Menschheit“ verbundenen Herausforderungen ins Auge zu blicken, statt unsere Hände in Unschuld zu waschen und die störenden Unterschiede, Ungleichheiten sowie die selbst auferlegte Entfremdung auszublenden, müssen wir nach Möglichkeiten suchen, in einen engen und immer engeren Kontakt mit den anderen zu gelangen, der hoffentlich zu einer Verschmelzung der Horizonte führt statt zu einer bewusst herbeigeführten und sich selbst verschärfenden Spaltung.
Mir ist vollkommen bewusst, dass die Entscheidung für diesen Weg kein ungetrübtes, von Problemen freies Leben garantiert und dass sie auch nicht dafür sorgen wird, dass die Aufgaben, die gegenwärtig unsere Aufmerksamkeit fordern, sich ohne Mühen bewältigen ließen. Dieser Weg verweist vielmehr auf beängstigend anstrengende, aufrüttelnde und dornige Zeiten. Er wird keine sofortige Erleichterung von der Angst bringen, sondern dürfte zunächst sogar noch mehr Ängste auslösen und das bestehende Misstrauen wie auch die vorhandenen Animositäten weiter verstärken. Dennoch glaube ich nicht, dass es eine alternative, bequemere und weniger riskante kurzfristige Lösung für das Problem gibt. Die Menschheit befindet sich in der Krise – und es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Krise als die Solidarität zwischen den Menschen. Das erste Hindernis auf dem Weg zum Abbau der wechselseitigen Entfremdung ist die Verweigerung eines Dialogs: das aus Selbstentfremdung, Distanz, Achtlosigkeit, Zurücksetzung und Gleichgültigkeit geborene (und davon wiederum verstärkte) Schweigen. Statt als Dyade aus Liebe und Hass müsste die Dialektik der Grenzziehung daher als Triade aus Liebe, Hass und Gleichgültigkeit oder Nichtbeachtung gedacht werden.
Die Lage, in der wir uns im Jahr 2016 befinden, ist – für den Augenblick unheilbar – ambivalent. Eine auf Überschaubarkeit und Eindeutigkeit ausgerichtete theoretische Analyse, falls man sie denn praktisch umsetzte, beschwört mehr Gefahren herauf als die Krankheit, die sie heilen möchte. Das Problem eignet sich nicht für Patentlösungen, und wenn man solche Lösungen erwägt, lassen sich diese theoretischen Überlegungen nicht in die Praxis umsetzen, ohne den Planeten, unsere gemeinsame und geteilte Heimstatt, langfristig noch katastrophaleren Bedrohungen auszusetzen, als unsere gemeinsamen und geteilten Probleme sie ohnehin bereits darstellen. Welche Entscheidungen wir auch treffen mögen, wir müssen stets im Auge behalten, dass sie in jedem Fall erhebliche Auswirkungen auf unsere (hoffentlich lange) gemeinsame und geteilte Zukunft haben werden, weshalb sie von dem Grundsatz geleitet sein sollten, solche Gefahren zu verringern, statt sie zu vergrößern. Gegenseitige Gleichgültigkeit entspräche gewiss nicht diesem Grundsatz.
Zum Abschluss möchte ich daher an eine Botschaft erinnern, die von Papst Franziskus stammt – meines Erachtens eine der wenigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die uns vor der Gefahr warnen, wie Pontius Pilatus unsere Hände in Unschuld zu waschen, wenn es um die Folgen gegenwärtiger Prüfungen und Beschwernisse geht, in denen wir alle in gewissem Maße zugleich Opfer und Täter sind. Über das Laster oder die Sünde der Gleichgültigkeit sagte Papst Franziskus am 8. Juli 2013 bei seinem Besuch auf Lampedusa, wo seinerzeit die aktuelle „moralische Panik“ und das nachfolgende moralische Debakel ihren Anfang nahmen: „Viele von uns, und ich schließe mich selbst da ein, sind desorientiert, wir sind nicht aufmerksam der Welt gegenüber, in der wir leben, wir sorgen uns nicht, wir kümmern uns nicht um das, was Gott für alle geschaffen hat, und sind nicht mehr fähig, auf den Anderen Acht zu geben. Und wenn diese Desorientierung globale Dimensionen annimmt, dann kommt es zu solchen Tragödien wie der, derer wir heute Zeuge sind [...]. Auch heute stellt sich mit aller Stärke diese Frage: Wer ist verantwortlich für das Blut dieser Brüder und Schwestern? Niemand! Wir alle antworten so: Nicht ich, ich habe damit nichts zu tun, das sind andere, aber nicht ich [...]. Heute fühlt sich auf der Welt keiner verantwortlich dafür; wir haben den Sinn für die geschwisterliche Verantwortung verloren [...]. Die Kultur des Wohlergehens, die uns an uns selber denken lässt, macht uns unsensibel für die Schreie der anderen, sie lässt uns in Seifenblasen leben, die zwar schön sind, aber nichtig, die eine Illusion des Unbedeutenden sind, des Provisorischen, die zur Gleichgültigkeit dem Nächsten gegenüber führt und darüber hinaus zu einer weltweiten Gleichgültigkeit! Von dieser globalisierten Welt sind wir in die globalisierte Gleichgültigkeit gefallen! Wir haben uns an das Leiden des Nächsten gewöhnt, es geht uns nichts an, es interessiert uns nicht, es ist nicht unsere Angelegenheit!“[10] Papst Franziskus fordert uns auf, all das zu entfernen, „was von Herodes in unseren Herzen geblieben ist; bitten wir den Herrn um die Gnade der Tränen über unsere Gleichgültigkeit, über die Grausamkeit in der Welt, in uns und in denen, die anonymisiert sozialökonomische Entscheidungen treffen, die Dramen wie diesem Tür und Tor öffnen.“ Und er fragt: „Wer hat geweint? Wer hat in der heutigen Welt geweint?“
Der Beitrag basiert auf „Die Angst vor den anderen – Ein Essay über Migration und Panikmache“, dem jüngsten Buch des Autors, das soeben im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Michael Bischoff. 


[1] Vgl. Michel Agier, Managing the Undesirables, New York 2011, S. 3. 
[2] Dominic Casciani, Why migration is changing almost everything, www.bbc.co.uk, 6.3.2015. 
[3] Robert Winder, Bloody Foreigners: The Story of Immigration to Britain, London 2013, S. xiii. 
[4] Vgl. Zygmunt Bauman, Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne, Bonn 2005. 
[5] Paul Collier, Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, München 2014, S. 57. 
[6] Ebd., S. 58. 
[7] Alberto Nardelli, The media needs to tell the truth on migration, not peddle myths, in: „The Guardian“, 11.12.2015. 
[8] Äsop, Die Hasen und die Frösche, in: ders., Tiermärchen aus aller Welt, Wien 1979, S. 37. 
[9] Jonathan Rutherford, After Identity, London 2007, S. 60. 
[10] Vgl. die Papstpredigt auf Lampedusa: Wo ist dein Bruder?, http://de.radiovaticana.va, 8.7.2013.
(aus: »Blätter für deutsche und internationale Politik« 10/2016, Seite 41-50)
 

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